der Goldene Ritter am Ende der Tölzer Marktstraße

Winzerer-Denkmal

Der Goldene Ritter am Ende der Marktstraße: Das Winzerer-Denkmal verbindet Tölzer Stadtgeschichte, Pflegerhaus, Pavia 1525 und eine überraschende Spur bis zum Oktoberfest.

Winzerer-Denkmal

Wenn wir durch die Tölzer Marktstraße bummeln, kommen wir zwangsläufig irgendwann am Winzerer-Denkmal vorbei. Einen besonderen persönlichen Bezug dazu haben wir eigentlich nicht. Aber rund um das Denkmal stehen Bänke, und so setzen wir uns nach einem Bummel schon einmal dort hin, ruhen uns kurz aus und schauen dem Treiben in der Marktstraße zu.

Dabei ragt über uns eine ziemlich stattliche Gestalt in Rüstung auf, mit Schwert und erhobenem Speer. Wir wussten lange nicht, wie viel Geschichte tatsächlich hinter diesem Mann steckt.

Das Denkmal erinnert an Kaspar III. Winzerer, den wohl bekanntesten Vertreter einer Familie, die Tölz im 15. und 16. Jahrhundert entscheidend mitprägte. Die 1887 errichtete Anlage erzählt jedoch nicht nur seine Geschichte. Sockel und Reliefs führen weit über die Lebenszeit des Tölzer Ritters hinaus.

Wer war Kaspar Winzerer?

Die Winzerer waren über mehrere Generationen als herzogliche Pfleger eng mit Tölz verbunden. Ein Pfleger war damals keineswegs mit dem heutigen Begriff zu vergleichen, sondern ein Vertreter des Landesherrn mit weitreichenden Aufgaben in Verwaltung, Gerichtsbarkeit und Herrschaftsausübung.

Kaspar III. Winzerers Großvater Kaspar I. kam nach dem großen Tölzer Stadtbrand von 1453 als Pfleger nach Tölz. Auch sein Vater Kaspar II. und später Kaspar III. selbst übten dieses Amt aus. Die Winzerer gehörten damit über Jahrzehnte zu den einflussreichsten Familien des Marktes.

Kaspar III. war allerdings weit mehr als ein lokaler Verwaltungsbeamter. Er machte als Kriegsmann und Heerführer Karriere und wurde als „Goldener Ritter“ bekannt.

Selbst bei seinem Geburtsjahr sind sich die historischen Quellen nicht ganz einig. Je nachdem, ob man einer zeitgenössischen Denkmünze oder seinem Grabstein folgt, kommt 1465 oder 1475 infrage. Gesichert ist dagegen, dass er 1542 starb.

Warum „Goldener Ritter“?

Kaspar Winzerer wurde Anfang des 16. Jahrhunderts zum Ritter geschlagen und erscheint anschließend in den Quellen mit dem Ehrentitel „miles auratus“ – Goldener Ritter. Er nahm an zahlreichen Feldzügen teil und führte bayerische Truppen.

Das Ereignis, das seinen Namen endgültig bekannt machte, spielte sich allerdings weit entfernt vom Isarwinkel ab.

Am 24. Februar 1525 kam es bei Pavia in Norditalien zu einer der bedeutenden Schlachten der damaligen europäischen Machtkämpfe. Auf der einen Seite stand der französische König Franz I., auf der anderen die Truppen Kaiser Karls V.

Die Franzosen wurden geschlagen und Franz I. geriet in Gefangenschaft. Kaspar Winzerer führte Landsknechte unter dem berühmten Feldhauptmann Georg von Frundsberg und war an der Gefangennahme des französischen Königs beteiligt. Mehr als 350 Jahre später wurde diese Episode zum historischen Ausgangspunkt für die Botschaft des Tölzer Denkmals.

Ein Denkmal für einen Ritter – und für einen Krieg des 19. Jahrhunderts

1887 wurde das Winzerer-Denkmal in der oberen Marktstraße aufgestellt. Initiator war der aus Tölz stammende Historiker und Politiker Johann Nepomuk Sepp, der sich intensiv mit historischen Erinnerungsorten beschäftigte und auch andernorts Denkmäler anregte. Das Tölzer Stadtarchiv bezeichnet das Winzerer-Denkmal als eines seiner großen Erinnerungsprojekte.

Sepps Projekt verband zwei Anliegen: Es sollte Kaspar Winzerer ehren und zugleich an die im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 gefallenen Tölzer erinnern. Auf dem Sockel findet sich deshalb ausdrücklich eine Widmung an die gefallenen Krieger dieses Feldzugs.

Sichtbar wird diese doppelte Funktion vor allem in den vier großen Bronzereliefs am Sockel.

Vier Reliefs und zwei gefangene französische Herrscher

Drei der Reliefs zeigen Szenen aus dem Leben Kaspar Winzerers. Eines stellt ihn bei einem Turnier mit Kaiser Maximilian I. dar, ein weiteres seine Beteiligung an der Gefangennahme des französischen Königs Franz I. bei Pavia. Das dritte zeigt seinen Tod bei einem Kampfspiel – eine Überlieferung, die auf dem Denkmal als historische Szene dargestellt wird.

Das vierte Relief fällt jedoch völlig aus der Reihe. Es führt nicht ins 16., sondern ins 19. Jahrhundert und zeigt die Gefangennahme des französischen Kaisers Napoleon III. nach der Schlacht bei Sedan am 2. September 1870. Damit geriet erneut ein französischer Herrscher nach einer verlorenen Schlacht in deutsche Gefangenschaft.

In der Gegenüberstellung dieser beiden Gefangennahmen steckt die politische Botschaft des Denkmals. Johann Nepomuk Sepp bezeichnete sie sinngemäß als eine „Gedankenbrücke“ zwischen den Ereignissen von 1525 und 1870, zwischen denen mehr als drei Jahrhunderte liegen.

Aus heutiger Perspektive ist das ein interessantes Beispiel dafür, wie Denkmäler im 19. Jahrhundert Geschichte erzählten: Man erinnerte nicht nur an die Vergangenheit, sondern stellte historische Ereignisse so zusammen, dass sie zur politischen Gegenwart passten.

Das Winzerer-Denkmal sagt deshalb mindestens ebenso viel über das Jahr 1887 aus wie über Kaspar Winzerer im Jahr 1525.

Vor dem Ritter stand hier ein Heiliger

Noch überraschender ist, dass der Platz vorher keineswegs leer war.

Im 19. Jahrhundert befand sich ungefähr an derselben Stelle der Ludwigsbrunnen. Anders, als der Name vielleicht vermuten lässt, war er nicht König Ludwig gewidmet, sondern dem heiligen Ludwig.

Johann Nepomuk Sepp begann ab 1882, sein Projekt für ein Krieger- und Winzerer-Denkmal voranzutreiben. Der damals bereits baufällige Ludwigsbrunnen sollte dafür weichen. Sepp setzte sich durch, und 1887 nahm der Goldene Ritter dessen Platz ein. Im Tölzer Stadtarchiv existiert sogar eine Zeichnung Gabriel von Seidls, auf der der alte Brunnen noch zu erkennen ist.

Das passt erstaunlich gut zur Marktstraße insgesamt. Auch dort ist vieles, was heute selbstverständlich und uralt wirkt, das Ergebnis von Veränderungen verschiedener Generationen.

Das Pflegerhaus gehört eigentlich mit zum Denkmal

Wenn man vor dem Winzerer steht, lohnt sich auch der Blick auf das Gebäude dahinter.

Das Tölzer Pflegerhaus lässt sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Eine Inschrift unter dem Giebel erinnert daran, dass Kaspar II. Winzerer, der Vater des Goldenen Ritters, das Haus 1485 errichten ließ. Am Erker über dem Rundbogeneingang befindet sich das Wappen der Winzerer.

Das heutige Erscheinungsbild ist erneut ein schönes Beispiel für die Tölzer Mischung aus echter alter Bausubstanz und späterer Gestaltung. Gabriel von Seidl überarbeitete 1908 und 1909 die Fassaden zur Marktstraße und zur heutigen Hindenburgstraße. Das typische Flachsatteldach und der Steherker waren schon vorher vorhanden, Seidl gab dem Gebäude aber einen Teil seiner heutigen Fassadengestaltung.

So stehen hier unmittelbar nebeneinander verschiedene Schichten der Tölzer Geschichte: ein Haus mit Wurzeln im 15. Jahrhundert, ein Denkmal des national geprägten 19. Jahrhunderts und Fassadengestaltung von Gabriel von Seidl aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Das Grab des Goldenen Ritters

Kaspar Winzerer begegnet einem in Tölz noch einmal.

Sein Grabmal befindet sich in der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt, nur ein Stück weiter unten in der Marktstraße. Hinter dem Hochaltar erinnert dort ein Grabstein aus rotem Marmor an den Tölzer Pfleger.

Wer vom Denkmal aus die Marktstraße hinuntergeht und die Stadtpfarrkirche besucht, kann gewissermaßen von der im 19. Jahrhundert geschaffenen Heldendarstellung zum tatsächlichen Grabmal des Mannes wechseln.

Und plötzlich führt die Geschichte bis zum Oktoberfest

Eine weitere Verbindung reicht von Tölz bis nach München.

Die Armbrust-Schützengilde Winzerer Fähndl führt ihre heutige Tradition auf das Jahr 1887 zurück. Damals wurde die historische Idee der Winzerer-Tradition zunächst als Kostümverein wiederbelebt; daraus entwickelte sich später eine Armbrustschützengilde. Bis heute ist sie beim Trachten- und Schützenzug des Münchner Oktoberfests vertreten.

Wer den Namen „Winzerer Fähndl“ kennt, denkt deshalb vielleicht zunächst an die Wiesn. Namensgeber ist jedoch derselbe Tölzer Ritter, dessen bronzene Figur am oberen Ende der Marktstraße steht.

Das ist eine dieser Verbindungen, die man wahrscheinlich nicht vermuten würde, wenn man sich einfach nur kurz auf die Bank neben das Denkmal setzt.

Ein Ruheplatz mit ziemlich viel Geschichte

Das Winzerer-Denkmal ist vermutlich trotzdem kein Ziel, zu dem eigens fährt. Dafür ist es zu sehr Bestandteil der Marktstraße und unseres normalen Weges durch die Stadt.

Aber genau das macht solche Orte interessant. Was im Alltag wie eine vertraute Kulisse wirkt, kann sich bei genauerem Hinsehen als Treffpunkt ganz unterschiedlicher historischer Schichten erweisen.

Vielleicht schauen wir deshalb beim nächsten kurzen Päuschen auf der Bank etwas genauer auf die vier Reliefs am Sockel.

Denn manchmal reicht es offenbar schon, sich an einem vertrauten Ort einmal zu fragen, wer der Mann da oben eigentlich ist.