
Wenn wir eine etwas längere Runde zu Fuß drehen wollen, landen wir ziemlich oft an der Isar. Vom Isarkai gehen wir auf der linken Isarseite flussabwärts, vorbei am ruhiger werdenden Wasser des Isarstausees bis zum Stauwehr. Dort wechseln wir auf die andere Seite und laufen wieder Richtung Tölz zurück. Meist gehört eine Einkehr in der Moraltalm dazu, anschließend geht es über den Kalvarienberg und von dort wieder hinunter zum Isarkai.
Das Stauwehr ist dabei für uns vor allem der Wendepunkt der Runde. Eigentlich erstaunlich, denn während man einfach darüberläuft und auf der einen Seite den ruhigen Stausee, auf der anderen die weiterfließende Isar sieht, arbeiten wenige Meter unter einem zwei Turbinen. Seit 1958 wird hier aus der Kraft der Isar Strom erzeugt.
Und auch der See selbst würde ohne das Kraftwerk in dieser Form gar nicht existieren.
Seit 1958 wird die Isar in Tölz zur Stromerzeugung genutzt
Mit dem Bau des Tölzer Isarkraftwerks wurde am 21. November 1956 begonnen. Rund eineinhalb Jahre später, am 28. Mai 1958, ging die Anlage in Betrieb. Betreiber sind bis heute die Stadtwerke Bad Tölz.
Für das Kraftwerk wird die Isar oberhalb des Wehrs aufgestaut. Dadurch entstand der Isarstausee, der sich heute mehr als einen Kilometer flussaufwärts zieht und längst zu einem selbstverständlichen Teil des Tölzer Landschaftsbilds geworden ist.
Wenn man dort spazieren geht, wirkt der See ziemlich natürlich. Tatsächlich ist er aber das sichtbare Ergebnis einer technischen Anlage: Das Wehr hebt den Wasserspiegel an und schafft damit den Höhenunterschied, den das Kraftwerk zur Stromerzeugung benötigt.
Die nutzbare Fallhöhe beträgt rund 7,6 Meter.
30.000 Liter Wasser pro Sekunde
Im Kraftwerk arbeiten zwei Kaplan-Turbinen. Solche Turbinen sehen vereinfacht gesagt ein wenig wie riesige Schiffspropeller aus und eignen sich besonders für Flüsse, bei denen relativ große Wassermengen bei vergleichsweise geringer Fallhöhe genutzt werden.
Durch jede der beiden Turbinen können rund 15 Kubikmeter Wasser pro Sekunde fließen. Zusammen sind das etwa 30 Kubikmeter – oder anschaulicher: 30.000 Liter Isarwasser pro Sekunde.
Das Wasser treibt die Turbinen an, die wiederum Generatoren bewegen und so elektrische Energie erzeugen. Danach fließt es unterhalb des Kraftwerks wieder zurück in die Isar.
Verbraucht wird das Wasser also nicht. Genutzt wird lediglich die Energie, die in seinem Höhenunterschied steckt.
Strom für mehrere tausend Haushalte
Die beiden Turbinen verfügen gemeinsam über eine Leistung von rund 1,9 Megawatt. Im langjährigen Mittel erzeugt das Kraftwerk ungefähr 10 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr. Das entspricht ungefähr dem Jahresverbrauch von 3.500 Haushalten. Für ein Kraftwerk, über das man bei einem Spaziergang beinahe nebenbei hinweggeht, ist das eine beachtliche Menge.
Die tatsächliche Produktion schwankt allerdings. Ein Laufwasserkraftwerk ist unmittelbar davon abhängig, wie viel Wasser die Isar führt. In wasserreichen Jahren kann mehr Strom erzeugt werden, bei niedrigen Pegeln entsprechend weniger. Bei sehr viel Wasser kann paradoxerweise sogar der gegenteilige Effekt eintreten.
Wenn die Isar Hochwasser führt, wird das Kraftwerk nebensächlich
Das Wehr besitzt drei große Wehrfelder. Jedes davon kann enorme Wassermengen durchlassen. Sobald die Isar Hochwasser führt, geht es nicht mehr darum, möglichst viel Wasser durch die Turbinen zu schicken, sondern darum, die Wassermassen sicher durch die Anlage hindurchzuführen. Das ist ein wichtiger Unterschied zum Sylvensteinspeicher weiter flussaufwärts.
Der Sylvensteinspeicher kann Hochwasser gezielt zurückhalten und dadurch die Hochwasserwelle reduzieren. Davon profitieren nicht nur Lenggries und Bad Tölz, sondern auch die weiter nördlich gelegenen Gemeinden und schließlich München.
Das Tölzer Stauwehr dagegen ist kein Hochwasserspeicher. Es muss dafür sorgen, dass die ankommenden Wassermassen die Staustufe möglichst sicher passieren können.
Beide Anlagen erfüllen also völlig unterschiedliche Aufgaben – hängen aber unmittelbar miteinander zusammen.
Der eigentliche Hochwasserschützer steht am Sylvenstein
Der Sylvensteinspeicher ging nur ein Jahr nach dem Tölzer Kraftwerk, 1959, in Betrieb. Eine seiner wichtigsten Aufgaben ist der Hochwasserschutz im gesamten Isartal bis hinein nach München.
Bei starken Niederschlägen oder Schneeschmelze kann dort Wasser zurückgehalten und erst später kontrolliert abgegeben werden. Dadurch wird die Spitze einer Hochwasserwelle deutlich reduziert.
Wie wichtig das ist, zeigte sich beispielsweise beim Pfingsthochwasser 1999.
Damals führte die Isar auch in Bad Tölz enorme Wassermengen. Am Kraftwerk wurden zeitweise bis zu rund 483 Kubikmeter pro Sekunde gemessen. Am Isarkai stieg das Wasser bis knapp unter die Oberkante der Kaimauer. Und das bereits mit dem Sylvensteinspeicher, der einen Teil der Hochwasserwelle zurückhielt. Wie die Situation ohne diese Schutzwirkung ausgesehen hätte, möchte man sich kaum vorstellen.
Drei Wehrfelder – und Diskussionen über ein viertes
Die drei vorhandenen Wehrfelder des Tölzer Kraftwerks sind jeweils für sehr große Durchflussmengen ausgelegt. Bei einem Extremhochwasser muss die Anlage auch dann sicher funktionieren, wenn ein Wehrfeld aus technischen Gründen nicht zur Verfügung steht.
Genau deshalb spielte im Rahmen der erneuten wasserrechtlichen Genehmigung des Kraftwerks auch ein zusätzliches viertes Wehrfeld eine Rolle.
Daran sieht man, wie sich die Anforderungen an eine Anlage verändern, die in den 1950er-Jahren gebaut wurde. Damals standen vor allem Energieversorgung und technische Beherrschung des Flusses im Vordergrund. Heute müssen zusätzlich Hochwassersicherheit, Ökologie, Fischwanderung und Geschiebetransport berücksichtigt werden.
2024 war der Stausee plötzlich fast weg
Wie künstlich der vertraute Isarstausee eigentlich ist, konnte man im Sommer 2024 besonders eindrucksvoll sehen.
Nach starken Niederschlägen hatten sich große Mengen Kies und Geschiebe im Staubereich angesammelt. Um dieses Material wieder flussabwärts weiterzugeben, wurden die Wehrverschlüsse geöffnet. Dadurch sank der Wasserspiegel deutlich ab. Wo sonst der breite, ruhige Isarstausee liegt, zeigte sich plötzlich wieder eine weitgehend frei fließende Isar. Für Tölzer, die den See seit Jahren kennen, war das ein ziemlich ungewohntes Bild.
Gleichzeitig konnte das Kraftwerk in dieser Zeit kaum beziehungsweise keinen Strom produzieren. Denn wenn das Wasser nicht mehr aufgestaut wird, fehlt die notwendige Fallhöhe für die Turbinen.
Das zeigt ziemlich anschaulich: Der Stausee ist nicht einfach ein See mit einem Kraftwerk daneben. Er ist Bestandteil des Kraftwerks.
Warum der Kies so wichtig ist
Der Kies, der sich vor dem Wehr sammelt, ist kein lästiger Abfall des Flusses. Er gehört zur Isar.
Ein natürlicher Alpenfluss transportiert ständig Geröll, Kies und Sand talwärts. Dieses Material formt Kiesbänke, Flussinseln und Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Wehre und Stauseen unterbrechen diesen natürlichen Transport. Der Kies bleibt oberhalb der Staustufe liegen, während er unterhalb fehlt. Deshalb wird am Tölzer Wehr versucht, das Geschiebe gezielt weiterzugeben. Wenn genug Wasser vorhanden ist, werden die Wehre geöffnet und der Fluss darf einen Teil des angesammelten Materials wieder mitnehmen. Das wirkt zunächst wie eine rein technische Maßnahme, ist aber für die ökologische Entwicklung der Isar ausgesprochen wichtig.
Auch die Fische müssen irgendwie am Kraftwerk vorbeikommen
Für Fische stellt eine Staustufe mit 7,6 Metern Höhenunterschied natürlich ein kaum überwindbares Hindernis dar.
Deshalb besitzt das Tölzer Kraftwerk eine Fischaufstiegshilfe. Über mehrere aufeinanderfolgende Becken können Fische den Höhenunterschied Schritt für Schritt überwinden. Die bestehende Anlage wurde 2005 eröffnet. Untersuchungen zeigten allerdings, dass sie nicht für alle Arten gleichermaßen gut funktioniert. Besonders größere Fische wie der Huchen stellen andere Anforderungen als kleinere Arten. Im Zusammenhang mit der neuen Genehmigung des Kraftwerks wurde deshalb auch über Verbesserungen und eine günstigere Lockströmung nachgedacht, damit Fische den Einstieg überhaupt zuverlässig finden. Auch hier zeigt sich der Wandel: Ein Wasserkraftwerk von 1958 muss heute ökologische Standards erfüllen, an die beim ursprünglichen Bau kaum jemand gedacht hat.
Mehr als 60 Jahre alte Turbinen – und immer noch im Einsatz
Die beiden Kaplan-Turbinen arbeiten bereits seit der Eröffnung des Kraftwerks.
Nach mehr als sechs Jahrzehnten wurden sie 2022 und 2023 grundlegend überholt. Dafür musste jeweils eine Turbine vollständig trockengelegt werden. Das klingt einfacher, als es ist.
Mit einem Kran und Unterstützung eines Berufstauchers wurden sogenannte Nadelverschlüsse eingesetzt. Dabei entsteht Stück für Stück eine provisorische Sperrwand, durch die das Wasser von der jeweiligen Turbine ferngehalten wird. Erst anschließend können Bereiche betreten werden, die normalerweise tief unter dem Wasser der Isar liegen. Die Turbinen wurden gereinigt und überholt, Betonflächen instand gesetzt und angesammelter Kies entfernt. Dadurch konnte auch die ursprüngliche Fallhöhe wieder besser genutzt werden. Interessant ist das Ergebnis: Nach der Sanierung ließ sich mit derselben Wassermenge wieder mehr Strom erzeugen.
Manchmal bedeutet Energiewende eben nicht, etwas völlig Neues zu bauen, sondern eine Anlage aus den 1950er-Jahren wieder möglichst effizient zu machen.
Ein ziemlich technischer Ort, den man kaum als solchen wahrnimmt
Bei unserer Runde denken wir über all das normalerweise nicht besonders intensiv nach.
Wir gehen vom Isarkai an der Isar entlang, der Fluss wird breiter und ruhiger, irgendwann erreichen wir das Wehr. Ein kurzer Blick hinunter aufs Wasser, dann geht es über die Brücke auf die andere Seite. Dabei befindet man sich mitten auf einer Anlage, durch die jede Sekunde zehntausende Liter Wasser strömen und die seit fast sieben Jahrzehnten zuverlässig Strom produziert. Auf der einen Seite sieht man den ruhigen Stausee, auf der anderen fließt die Isar weiter Richtung München. Genau dieser Gegensatz macht das Stauwehr interessant.
Vom Kraftwerk zur Moraltalm
Für uns beginnt nach dem Wehr eigentlich der gemütlichere Teil der Runde. Auf der rechten Isarseite geht es wieder zurück Richtung Tölz. Und wenn man ohnehin schon dort unterwegs ist, liegt eine Einkehr in der Moraltalm ziemlich nahe. Das ist für uns meistens ein willkommener Zwischenstopp: etwas essen, vielleicht ein Stück selbst gebackenen Kuchen und eine Weile draußen sitzen. Danach geht es weiter Richtung Kalvarienberg. Damit verbindet die Runde einige ziemlich unterschiedliche Seiten von Bad Tölz. Erst läuft man an der Isar und einem technischen Bauwerk aus den 1950er-Jahren entlang, wenig später sitzt man an einer Alm, anschließend geht es hinauf zu einem Wallfahrtsort, dessen Geschichte mehr als 300 Jahre zurückreicht.
Und vom Kalvarienberg führt der Weg schließlich wieder hinunter zum Isarkai, wo unsere Runde begonnen hat.
Der Stausee ist mehr als nur schöne Kulisse
Seit wir uns näher mit dem Kraftwerk beschäftigt haben, sehen wir den Isarstausee jedenfalls etwas anders. Er ist natürlich ein schöner Ort zum Spazierengehen. Wasservögel sind unterwegs, die Isar wirkt ruhig, und Richtung Süden öffnet sich die Bergkulisse. Gleichzeitig ist dieser See Teil einer technischen Anlage, die seit 1958 erneuerbaren Strom produziert.
Unter uns drehen sich Turbinen, vor dem Wehr sammelt sich Kies aus den Alpen, Fische suchen ihren Weg an der Staustufe vorbei und bei Hochwasser müssen innerhalb kürzester Zeit enorme Wassermengen durch die Anlage geführt werden.
Weiter südlich reguliert der Sylvensteinspeicher gleichzeitig die Wasserführung der Isar und schützt damit Bad Tölz und letztlich auch München vor noch größeren Hochwasserwellen.
Aus einem ganz normalen Spazierweg wird damit plötzlich ein kleiner Einblick in die Wasserwirtschaft eines ganzen Flusses.
Für uns bleibt das Stauwehr trotzdem vor allem der Wendepunkt unserer Runde: vom Isarkai am Wasser entlang, über das Wehr, zurück zur Moraltalm, hinauf auf den Kalvarienberg und wieder hinunter zur Isar. Aber beim nächsten Mal schauen wir vermutlich ein bisschen genauer hin, wenn wir über die Brücke laufen.
Denn unter unseren Füßen passiert deutlich mehr, als man von oben vermuten würde.
