
Im Sommer sind bei uns meistens zwei Räder angesagt, im Winter dürfen es dann auch einmal zwei Kufen sein. Wobei wir beim Schlittschuhlaufen in der Hacker-Pschorr Arena eher in die Kategorie „Hauptsache, einigermaßen aufrecht bleiben“ fallen. Besonders elegant sieht das vermutlich nicht aus, Spaß macht es trotzdem. Noch lieber schauen wir allerdings anderen beim Eislaufen zu – denen, die es wirklich können. Als Tölzer sind wir natürlich Fans der Tölzer Löwen und gehen im Winter immer wieder zu den Heimspielen. Wenn die Mannschaft aufs Eis kommt, Schwarz-Gelb auf den Rängen dominiert und die Halle bei einem engen Spiel richtig laut wird, versteht man schnell, warum Eishockey in Bad Tölz einen besonderen Stellenwert hat.
Wie ernst manche diese Leidenschaft nehmen, haben wir sogar bei einem unserer Vespa-Stammtische erlebt. Während sich ein Teil zur gemeinsamen Ausfahrt aufmachte, entschieden sich einige andere Vespafahrer lieber für ein Vorbereitungsspiel der Löwen. Bei der Wahl zwischen Vespa und Eishockey gewann an diesem Tag eindeutig der Löwe. Das will bei Vespa-Fahrern schon etwas heißen.
Die Wurzeln des Tölzer Eishockeys reichen mehr als 100 Jahre zurück
Ganz eindeutig ist das Gründungsdatum auf den ersten Blick nicht, weil unterschiedliche Jahreszahlen auftauchen. Die Wurzeln des Tölzer Eishockeys reichen bis 1924 zurück. Damals entstand unter dem Dach des Wintersportvereins der Eisclub Bad Tölz, 1928 wurde die Eishockeyabteilung gegründet. Bereits 1931 spielten die Tölzer „Buam“ in der damals höchsten deutschen Spielklasse. Ein entscheidender Schritt folgte 1935 mit dem Bau des Eisstadions an der Peter-Freisl-Straße. 1953 wurde daraus ein Kunsteisstadion – und damit waren die Voraussetzungen für die große Zeit des Tölzer Eishockeys geschaffen.
1962 holte Bad Tölz erstmals die deutsche Meisterschaft und durchbrach damit die damalige Dominanz des EV Füssen. Vier Jahre später folgte der zweite Titel. Besonders das entscheidende Spiel vom 6. Februar 1966 gehört bis heute zu den großen Geschichten des Vereins. Tölz und Füssen standen vor dem letzten Spiel punktgleich an der Tabellenspitze, rund 6.000 Zuschauer drängten sich ins Tölzer Stadion – und die Buam gewannen das direkte Duell mit 8:4.
Für eine Stadt von der Größe Bad Tölz ist die Bilanz ohnehin bemerkenswert: zwei deutsche Meisterschaften, acht Vizemeisterschaften, mehrere bayerische Titel und später weitere Meisterschaften in der Oberliga. Doch wahrscheinlich ist etwas anderes für den Ruf des Tölzer Eishockeys noch wichtiger als die Pokale.
Tölz als Talentschmiede
Bad Tölz besitzt seit Jahrzehnten einen hervorragenden Ruf als Talentschmiede des deutschen Eishockeys. Über Generationen kamen Spieler aus dem Tölzer Nachwuchs, die später in den höchsten deutschen Ligen, bei großen Vereinen oder in der Nationalmannschaft spielten. Namen wie Lorenz Funk, Hans Zach, Andreas Niederberger, Axel Kammerer, Andreas Brockmann, Toni Krinner, Klaus Kathan oder in jüngerer Zeit Yasin Ehliz zeigen, welche Bedeutung die Nachwuchsarbeit weit über den Isarwinkel hinaus hat.
Das ist vielleicht auch einer der Gründe, weshalb die Löwen in Tölz anders wahrgenommen werden als eine Mannschaft, die einfach irgendwo ihre Heimspiele austrägt. Viele Spieler haben tatsächlich als Kinder hier auf dem Eis gestanden, und zahlreiche Familien in der Region sind seit Generationen mit dem Verein verbunden. Der Nachwuchs gehört genauso zur Tölzer Eishockeytradition wie die erste Mannschaft.
Der alte „Wellblech-Palast“
Wer heute die Hacker-Pschorr Arena kennt, kann sich kaum vorstellen, unter welchen Bedingungen früher teilweise gespielt wurde. Das alte Stadion an der Peter-Freisl-Straße hatte zweifellos Atmosphäre, war gegen Ende seiner Lebenszeit allerdings alles andere als komfortabel. Es lag zwischen Wohnhäusern und Schule, Parkplätze waren knapp, die Kabinen klein und die Belüftung offenbar eher theoretischer Natur. In Erinnerungen ehemaliger Spieler und Funktionäre wird durchaus drastisch beschrieben, wie es dort zeitweise gerochen haben soll.
Der Spitzname „Wellblech-Palast“ passt deshalb ziemlich gut: ein bisschen liebevoll, ein bisschen spöttisch und wahrscheinlich ziemlich treffend.
Trotzdem dürfte das alte Stadion für viele ältere Tölzer Fans einen Zauber besitzen, den kein moderner Neubau ersetzen kann. Dort wurden schließlich die beiden deutschen Meisterschaften gefeiert, dort standen beim entscheidenden Spiel gegen Füssen rund 6.000 Menschen dicht gedrängt und dort wuchsen Generationen Tölzer Eishockeyspieler auf. Komfort ist eben nicht alles.
Irgendwann war jedoch klar, dass Bad Tölz ein neues Stadion brauchte.
Vom Wellblech-Palast zur modernen Arena
Nach jahrelangen Diskussionen und verschiedenen Planungen begann 2003 der Bau der neuen Arena auf der Flinthöhe. Bereits Anfang 2004 wurde sie eröffnet. Für den Tölzer Eissport war das ein gewaltiger Sprung: zwei Eisflächen, moderne Kabinen, bessere Trainingsbedingungen, Parkplätze, Gastronomie und Platz für mehr als 4.000 Zuschauer.
Auch danach blieb die Halle nicht stehen. Technik und Ausstattung wurden immer wieder modernisiert, und heute gehört unter anderem ein großer LED-Ring zum Erscheinungsbild der Arena. Die Schutznetze an den Längsseiten wurden entfernt und die Plexiglasscheiben entsprechend angepasst, was den Blick aufs Eis deutlich freier macht. Für Zuschauer bedeutet das allerdings auch: Wenn der Puck kommt, sollte man vielleicht nicht gerade aufs Handy schauen.
Vor allem aber ist die Arena nicht nur die Heimstätte der ersten Mannschaft. Nachwuchsteams, Eissportler und Freizeitsportler nutzen die Eisflächen ebenfalls – und genau deshalb schaffen wir es gelegentlich sogar selbst aufs Eis.
Mehr schlecht als recht – aber mit Spaß
Wir gehen hin und wieder zum öffentlichen Schlittschuhlaufen in die Arena. „Laufen“ ist dabei möglicherweise etwas großzügig formuliert. Die Tölzer Löwen müssen jedenfalls nicht befürchten, dass wir plötzlich beim Training auftauchen und einen Platz im Kader beanspruchen.
Wir drehen unsere Runden eher vorsichtig, arbeiten konzentriert daran, in den Kurven halbwegs würdevoll auszusehen, und sind grundsätzlich zufrieden, wenn wir am Ende genauso viele Knochen mit nach Hause nehmen, wie wir mitgebracht haben. Mehr schlecht als recht trifft es wahrscheinlich ganz gut.
Aber genau deshalb macht es Spaß. Man muss schließlich nicht gut Schlittschuh laufen können, um einen schönen Nachmittag auf dem Eis zu haben. Und wenn man anschließend wieder bei einem Löwenspiel auf der Tribüne sitzt und sieht, mit welchem Tempo die Spieler dieselbe Eisfläche bearbeiten, steigt der Respekt noch einmal beträchtlich.
Von Eishockey bis Bingo
Die Hacker-Pschorr Arena ist inzwischen aber mehr als nur ein Ort für Eishockey und Schlittschuhlaufen. Rund um die Spiele gibt es Veranstaltungen und Treffpunkte, und auch die Gastronomie wird für unterschiedliche Formate genutzt. Wir waren dort beispielsweise schon bei einem Bingoabend. Mit Eishockey hat das natürlich herzlich wenig zu tun. Unterhaltsam war es trotzdem.
Und eigentlich passt es ganz gut zur Arena. An einem Tag schießen sich die Löwen den Puck um die Ohren, am nächsten versuchen wir im Restaurant verzweifelt, die richtigen Zahlen auf einer Bingokarte zu finden. Man muss eine Eishalle schließlich nicht unnötig auf eine einzige Sportart reduzieren.
Schwarz-Gelb gehört zu Bad Tölz
Die großen Meisterschaften von 1962 und 1966 liegen inzwischen weit zurück. Seitdem haben die Löwen sportliche Höhen und Tiefen erlebt, sind auf- und abgestiegen, mussten finanzielle Schwierigkeiten überstehen und immer wieder neu anfangen. Gerade deshalb ist bemerkenswert, wie eng der Verein bis heute mit der Stadt verbunden geblieben ist.
Vielleicht liegt es an der langen Geschichte, vielleicht an der außergewöhnlichen Nachwuchsarbeit und wahrscheinlich auch daran, dass Eishockey in Tölz über Generationen weitergegeben wurde. Die Löwen sind jedenfalls weit mehr als nur die aktuelle erste Mannschaft und ihr jeweiliger Tabellenplatz.
Das merkt man auf der Tribüne genauso wie im Alltag. Und manchmal eben sogar beim Vespa-Stammtisch: Wenn ein paar eingeschworene Vespafahrer bei schönem Wetter lieber auf die gemeinsame Ausfahrt verzichten, weil die Löwen ein Vorbereitungsspiel haben, muss man eigentlich nicht mehr lange erklären, welchen Stellenwert Eishockey in Tölz besitzt.
Wir sind da etwas kompromissbereiter. Im Sommer nehmen wir die Vespa, im Winter gehen wir zu den Löwen, zwischendurch wagen wir uns selbst aufs Eis und gelegentlich landet man sogar beim Bingo in der Arena.
Aber wenn die Löwen spielen, ist die Sache klar. Als Tölzer gibt es bei den Farben schließlich nicht viel zu überlegen: Schwarz-Gelb.
