eigentlich suchten wir nur die Burgruine

Kalvarienberg Lenggries

Versteckt bei Hohenburg liegt einer der ältesten Kalvarienberge Bayerns – mit einer spannenden Verbindung zur alten Hohenburg und zum Tölzer Kalvarienberg.

Kalvarienberg Lenggries

Manchmal sind die schönsten Entdeckungen die, nach denen man überhaupt nicht gesucht hat. Bei uns war das in Lenggries so. Wir waren rund um Schloss Hohenburg spazieren und wollten eigentlich hinauf zur Ruine der alten Hohenburg. Irgendwo folgten wir einem eher unscheinbaren Trampelpfad, in der Hoffnung, dass er schon irgendwie in die richtige Richtung führen würde. Statt bei ein paar alten Mauerresten standen wir plötzlich mitten in einer wunderbar stillen historischen Anlage mit Kapellen, lebensgroßen Figuren, alten Bäumen und kleinen Wegen: dem Lenggrieser Kalvarienberg.

Wir hatten ihn vorher tatsächlich nicht auf dem Schirm – und zunächst auch keine Ahnung, was wir da alles vor uns hatten. Ausführliche Erklärungstafeln gibt es leider nicht. Dabei ist der Kalvarienberg weit mehr als eine Kapelle auf einem Hügel: Er besteht aus einer großen Treppenanlage mit fünf frühen Passionsstationen, einer monumentalen Kreuzigungsgruppe, zwei Kapellen, einer Heiligen Stiege, einem Heiligen Grab, historischen Votivbildern und einem später ergänzten Kreuzweg mit 14 Stationen.

Ein kleines Jerusalem im Isarwinkel

Kalvarienberge sollten Menschen den Leidensweg Christi nachvollziehbar machen, ohne dass sie nach Jerusalem pilgern mussten. Deshalb wurden wichtige Stationen der Passionsgeschichte in die Landschaft übertragen. Der Weg selbst wurde Teil der Andacht: von den ersten Leidensstationen über die Kreuzigung bis zum Grab Christi.

Die Lenggrieser Anlage entstand ab 1694 unter Graf Ferdinand Joseph von Herwarth, dem damaligen Herrn der Hofmark Hohenburg. Sie gilt als ältester Kalvarienberg im Isartal und gehört zu den ältesten Anlagen dieser Art in Bayern.

Interessant ist die zeitliche Verbindung zur Hohenburg: Als Herwarth den Kalvarienberg anlegen ließ, stand noch die alte Burg oberhalb des heutigen Schlosses. Sie brannte 1707 ab; erst danach entstand zwischen 1712 und 1718 das heutige barocke Schloss Hohenburg. Für Teile der späteren steinernen Treppenanlage soll sogar Hohenburger Steinmaterial verwendet worden sein. Die Quellen sprechen teils von Steinen der abgebrannten Burg, teils von einer alten Gartenmauer. Ganz genau lässt sich heute offenbar nicht mehr jeder Stein zuordnen – historisch gehören Hohenburg und Kalvarienberg aber eindeutig zusammen.

Das gefiel uns im Nachhinein besonders gut: Wir waren auf der Suche nach der Burgruine und landeten ausgerechnet an einem Ort, der unmittelbar mit ihrer Geschichte verbunden ist.

Über mehr als 220 Stufen hinauf nach Golgatha

Der eigentliche Hauptzugang ist wesentlich monumentaler als der kleine Weg, über den wir die Anlage entdeckt haben. Eine symmetrische Treppe führt steil den Hang hinauf. Ursprünglich bestand sie aus Holz, im 18. Jahrhundert wurde sie durch eine steinerne Anlage ersetzt; die unterste Stufe trägt die Jahreszahl 1778.

Auf den Treppenabsätzen stehen fünf kleine Stationskapellen. Sie zeigen den Abschied Jesu von Maria, Christus am Ölberg, die Geißelung, die Dornenkrönung und die Kreuztragung. Man geht also nicht einfach eine Treppe hinauf, sondern folgt Schritt für Schritt der Passionsgeschichte.

Oben öffnet sich dann ein überraschend grüner, von alten Bäumen eingefasster Platz. Im Zentrum steht die große Kreuzigungsgruppe mit Christus am Kreuz sowie Maria und Johannes. Besonders ungewöhnlich sind die monumentalen Figuren von Maria und Johannes aus getriebenem und farbig gefasstem Kupferblech. Bei der genauen Datierung widersprechen sich die Quellen etwas: Eine Kreuzigungsgruppe soll bereits 1665 vorhanden gewesen sein, während die erhaltenen Kupferfiguren um 1703 eingeordnet werden. Das heutige Kruzifix ist jedenfalls jünger; die frühere Christusfigur wurde in den 1930er-Jahren durch einen Föhnsturm beschädigt und anschließend durch eine geschnitzte Figur aus Oberammergau ersetzt.

Die Heilig-Kreuz-Kapelle – außen schlicht, innen überraschend barock

Die 1726 errichtete Heilig-Kreuz-Kapelle wirkt von außen eher zurückhaltend. Innen erwartet einen dagegen ein kleiner barocker Bilderkosmos mit Altären, Figuren, vergoldeten Strahlen, Engelsköpfen und bemalter Decke.

Kalvarienberg Lenggries

Im Mittelpunkt des Hochaltars steht Christus an der Geißelsäule. Rundherum finden sich weitere Figuren und Darstellungen aus der Passionsgeschichte. Über dem großen Deckengemälde steht die Inschrift „Heil dir o Kreuz, du einziges Heil“. Gerade hier lohnt es sich, nicht nur zum Altar zu schauen, sondern auch nach oben und in die Seitenbereiche – viele Einzelheiten entdeckt man erst beim zweiten Blick.

Kalvarienberg Lenggries

Das außergewöhnlichste Element der Kapelle ist jedoch die Heilige Stiege. Sie ist der berühmten Scala Santa in Rom nachempfunden, die nach christlicher Überlieferung aus dem Palast des Pontius Pilatus in Jerusalem stammen und von Jesus während seines Prozesses betreten worden sein soll.

Kalvarienberg Lenggries

Die Lenggrieser Nachbildung besitzt 28 Stufen. Traditionell wurden solche Treppen nicht normal hinaufgegangen, sondern kniend erklommen. Für Lenggries ist überliefert, dass auf jeder Stufe ein Vaterunser und ein Ave Maria gebetet wurde. 28 Stufen auf den Knien – da bekommt man eine ganz andere Vorstellung davon, wie körperlich religiöse Andacht früher sein konnte.

In der zweiten Kapelle liegt Christus im Grab

Nur wenige Meter entfernt steht die ältere Heilig-Grab-Kapelle, deren Ursprung bis 1698 zurückreicht. Sie wirkt deutlich ernster und dunkler als die Kreuzkapelle. In einer steinernen Nische liegt die Figur des toten Christus, darüber befindet sich eine Darstellung Marias mit dem vom Kreuz genommenen Jesus.

Kalvarienberg Lenggries

Der Raum sollte das Grab Christi in Jerusalem möglichst anschaulich vergegenwärtigen. Wer zuvor die fünf Passionsstationen hinaufgegangen und an der großen Kreuzigungsgruppe vorbeigekommen war, erreichte hier sinnbildlich das Ende des Leidensweges.

An die Kapelle schließt sich außerdem der sogenannte Arme-Seelen-Kerker an. Mit den „armen Seelen“ waren nach damaliger katholischer Vorstellung Verstorbene im Fegefeuer gemeint, die auf Erlösung hofften. Solche Darstellungen mit betenden Menschen in den Flammen wirken heute vielleicht ziemlich drastisch, gehörten im Barock aber ganz selbstverständlich zur religiösen Bilderwelt.

Votivtafeln wie kleine Nachrichten aus vergangenen Jahrhunderten

Besonders spannend fanden wir die historischen Votivbilder. Menschen stifteten solche Tafeln nach überstandenen Krankheiten, Unfällen oder anderen gefährlichen Situationen – oder als Bitte um Hilfe. Dadurch zeigen sie keine abstrakte Kirchengeschichte, sondern ganz konkrete Schicksale aus dem früheren Leben im Isarwinkel.

Man findet Darstellungen von Unglücken, Gefahren bei der Arbeit und Ereignissen aus der regionalen Geschichte. Einige Tafeln erinnern auch an die Sendlinger Mordweihnacht von 1705 und an Lenggrieser, die aus den Kämpfen lebend zurückkehrten.

Kalvarienberg Lenggries

Eigentlich sind diese Bilder kleine Nachrichten aus einer Zeit lange vor Zeitung, Internet und sozialen Medien: „Das ist uns passiert – und wir sind trotzdem davongekommen.“ Gerade deshalb wäre es schön, wenn vor Ort etwas mehr über einzelne Tafeln erklärt würde.

Warum gibt es noch einmal 14 Stationen?

Beim Rundgang stößt man zusätzlich auf weitere kleine Stationshäuschen in der Ummauerung. Dabei handelt es sich nicht um die fünf frühen Kapellen an der großen Treppe, sondern um einen später ergänzten vollständigen Kreuzweg mit den heute üblichen 14 Stationen. Der Mauerring mit diesen Stationen stammt in seiner heutigen Form aus dem 19. Jahrhundert.

Daran erkennt man schön, dass der Kalvarienberg nicht 1694 einmal gebaut und anschließend unverändert gelassen wurde. Über Generationen kamen neue Elemente hinzu. Zum Ensemble gehört auch das ehemalige Benefiziatenhaus. Bereits Ende des 17. Jahrhunderts lebte hier ein Klausner, der sich unter anderem um Kapellen, Anlage und Besucher kümmerte. Später übernahmen Geistliche diese Aufgabe.

Die Anlage verfiel zeitweise und wurde schließlich in den 1980er-Jahren umfangreich restauriert. Dass sie heute so geschlossen und gepflegt wirkt, ist also keineswegs selbstverständlich.

Und Bad Tölz hat sich hier offenbar etwas abgeschaut

Für uns als Tölzer ist eine Verbindung natürlich besonders interessant: Der Lenggrieser Kalvarienberg ist älter als unserer und wird ausdrücklich als Vorbild für den später entstandenen Tölzer Kalvarienberg bezeichnet.

Wenn man beide kennt, fallen die Gemeinsamkeiten durchaus auf: Passionsstationen, Kreuzigungsdarstellungen, Heiliges Grab und vor allem die Heilige Stiege. Trotzdem könnten die beiden Orte kaum unterschiedlicher wirken. Unser Tölzer Kalvarienberg thront weithin sichtbar über der Stadt und gehört zu ihren Wahrzeichen. Der Lenggrieser versteckt sich viel stärker zwischen Wald, Hohenburg und alten Bäumen.

Vielleicht macht gerade das einen Teil seines Reizes aus.

Kurz vor dem Zusperren trafen wir die Mesnerin

Auch einige praktische Dinge hätten wir ohne einen weiteren Zufall nicht erfahren. Während wir uns noch umsahen, trafen wir die Mesnerin, die gerade dabei war, die Kapellen zuzusperren. Sie erzählte uns, dass die Anlage weiterhin religiös genutzt wird und immer am dritten Freitag im Monat eine Messe stattfindet – je nach Wetter teilweise sogar unter freiem Himmel. Wenn Musiker zur Verfügung stehen, gibt es etwa eine halbe Stunde vorher eine besinnliche musikalische Einstimmung.

Nach ihrer Auskunft sind die Kapellen täglich von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Wer von weiter her gezielt wegen der Innenräume kommt, sollte die Öffnung vorher trotzdem noch einmal überprüfen, denn solche Zeiten können sich natürlich ändern. Und es lohnt sich wirklich, während der Öffnungszeit dort zu sein: Gerade Heilige Stiege, Altäre, Votivbilder und Heiliges Grab machen einen großen Teil dessen aus, was den Ort besonders macht.

Noch einen Tipp bekamen wir von ihr: Ihr Mann bietet nach vorheriger Anmeldung Führungen über den Kalvarienberg an. Das werden wir ziemlich sicher irgendwann noch nachholen. Denn nachdem wir uns erst hinterher genauer mit der Anlage beschäftigt haben, ist uns klar geworden, wie viele Dinge wir beim ersten Besuch zwar gesehen, aber gar nicht richtig einordnen konnten.

Ein Ort, den man gesehen haben sollte

Für uns ist der Lenggrieser Kalvarienberg inzwischen eindeutig ein Ort, den man gesehen haben sollte. Nicht, weil dort etwas groß inszeniert wäre – eher im Gegenteil. Die Anlage liegt erstaunlich versteckt und wirkt fast ein bisschen so, als müsse man sie erst selbst entdecken.

Genau so war es bei uns. Wir hatten vorher nicht nach dem Kalvarienberg gesucht, kannten seine Geschichte nicht und wollten eigentlich nur zur Burgruine Hohenburg. Dass wir stattdessen einem unscheinbaren Pfad gefolgt sind und plötzlich vor dieser über 300 Jahre alten Anlage standen, war einer dieser Zufälle, über die man sich hinterher besonders freut.

Und nach der Führung, die wir irgendwann noch nachholen wollen, werden wir wahrscheinlich feststellen, dass wir beim ersten Mal immer noch längst nicht alles entdeckt haben.