
Wer von Bad Tölz zum Pestkreuz von Gaißach fährt, sollte keine große Sehenswürdigkeit erwarten.
Das kleine steinerne Kreuz steht im Bereich Winet, unmittelbar hinter der Grenze zwischen Bad Tölz und Gaißach. Von Tölz kommend fühlt es sich fast noch wie Stadtrand an, tatsächlich befindet man sich hier bereits auf Gaißacher Gemeindegebiet.
Die kleine asphaltierte Straße endet hier. In ihrer Verlängerung führt ein Feldweg unter einer schönen Baumallee weiter Richtung Gaißach. Das Kreuz selbst ist fast leicht zu übersehen. Die Geschichte dahinter dagegen ganz und gar nicht.
Als die Pest den Isarwinkel erreichte
Wir befinden uns mitten im Dreißigjährigen Krieg. Die Jahre waren geprägt von Krieg, Hunger und Krankheiten – und 1634 wütete die Pest auch im Isarwinkel.
Die Gemeinde Gaißach berichtet, dass ein großer Teil der Isarwinkler Bevölkerung der Seuche zum Opfer fiel. Bis heute erinnert ein kleines Sühnekreuz aus Tuffstein an diese Zeit. Mit diesem Kreuz verbindet sich eine Geschichte, die fast 400 Jahre später noch immer erzählt wird.
Die Tölzer wollten nach Gaißach
Im Pestjahr 1634 machten sich Tölzer Bürger zu einem Bittgang auf. Ihr Ziel war die Kirche St. Michael in Gaißach. Dort wollten sie um ein Ende der Seuche bitten. Doch die Gaißacher hatten Angst.
Sie befürchteten, die Wallfahrer könnten die Pest ins Dorf einschleppen, und ließen sie nicht weiterziehen. In der Überlieferung heißt es, die Tölzer seien sogar mit Mistgabeln und Dreschflegeln zurückgetrieben worden.
Wenn man heute an dem kleinen Kreuz steht und auf den ruhigen Feldweg Richtung Gaißach schaut, kann man sich kaum vorstellen, welche Angst damals geherrscht haben muss.
Die Tölzer kehrten um
Die Wallfahrer gingen zurück nach Tölz und hielten ihren Gottesdienst schließlich an der kleinen Mariahilfkapelle auf dem Mühlfeld.
Dieser Ort hatte für die Tölzer während der Pest eine besondere Bedeutung. Der Pfarrverband Bad Tölz berichtet, dass die Menschen dort in der Epidemie um Hilfe baten und daraus eine lebhafte Wallfahrt entstand. Die kleine Kapelle wurde später durch die heutige Mühlfeldkirche Maria Hilf ersetzt, die 1735 bis 1737 errichtet wurde. Und dort findet man die Pestgeschichte bis heute wieder.
Der berühmte Augsburger Kirchenmaler Matthäus Günther verewigte sie 1737 in einem Deckenfresko. Unter Maria und den Engeln ist eine Prozession dargestellt, die an den Bittgang der Tölzer im Pestjahr 1634 erinnern soll.
Und dann gibt es noch die Geschichte mit dem Hund
Zu dieser alten Geschichte gehört auch eine Legende, die natürlich besonders gut im Gedächtnis bleibt.
Nachdem die Gaißacher die Tölzer aus Angst vor der Pest zurückgewiesen hatten, soll ausgerechnet ein Hund die Krankheit nach Gaißach gebracht haben. Passenderweise ist auch auf dem Fresko in der Mühlfeldkirche ein Hund zu sehen. Nur: Wahrscheinlich haben beide Dinge nichts miteinander zu tun.
Nach einer neueren Deutung gehörte der dargestellte Hund vermutlich zum Maler Matthäus Günther. Die Geschichte vom tierischen Pestüberträger dürfte also tatsächlich eine Legende sein. Schön erzählt ist sie trotzdem – und sie zeigt, wie sich tatsächliche Ereignisse und lokale Überlieferungen über Jahrhunderte miteinander vermischen.

Die Pest selbst verschonte Gaißach jedenfalls nicht. Die Gemeinde beschreibt das Sühnekreuz ausdrücklich als stillen Zeugen dieser verheerenden Zeit.
Warum eigentlich ein Sühnekreuz?
Nach der überlieferten Geschichte errichteten die Gaißacher das Kreuz nach dem Dreißigjährigen Krieg auch als Sühne dafür, dass sie die Tölzer Wallfahrer zurückgewiesen hatten. Daher stammt die Bezeichnung Sühnekreuz.
Das ursprünglich dort stehende Kreuz bestand aus Tuffstein und war im Laufe der Jahrhunderte stark verwittert. Um 1985 wurde es deshalb durch eine Nachbildung ersetzt. Das Original befindet sich heute im Gaißacher Rathaus.
Was man heute am Wegesrand sieht, ist also nicht mehr das fast 400 Jahre alte Original.
Wo findet man das Pestkreuz?
Das Kreuz steht an der nördlichen Grenze Gaißachs und ist von Bad Tölz aus schnell erreicht. Besonders schön finden wir die Situation rundherum: Dort, wo die kleine Straße endet, beginnt der Feldweg mit seiner Baumallee Richtung Gaißach. Eigentlich ein völlig unspektakulärer Platz – bis man weiß, was hier einst passiert sein soll.
Unser Fazit
Nur wegen des Pestkreuzes würden wir vermutlich keine eigene Tour planen. Dafür gibt es dort schlicht zu wenig zu sehen. Aber wenn man mit der Vespa ohnehin zwischen Bad Tölz und Gaißach unterwegs ist, kann man hier ruhig einmal kurz anhalten.
Denn dann steht man vor einem kleinen Kreuz am Wegesrand – und kennt plötzlich die Geschichte von den Tölzern, die 1634 nach Gaißach pilgern wollten, von den Gaißachern, die sie aus Angst vor der Pest zurückschickten, vom Bittgang zur Mühlfeldkapelle und von einem Hund, der der Legende nach am Ende doch noch die Pest ins Dorf gebracht haben soll.
Ziemlich viel Geschichte für so ein kleines Kreuz. Nicht unbedingt wegen des Kreuzes. Sondern wegen der Geschichte dahinter.

