
So voll haben wir selten eine Kirche erlebt. Wir waren beim Patrozinium in der Mühlfeldkirche Maria Hilf in Bad Tölz – also bei dem Festtag, an dem eine katholische Kirche ihr Patrozinium, also den Namen und Schutz ihrer Patronin oder ihres Patrons, besonders feiert. Sämtliche Sitzplätze waren belegt, und auch hinten im Eingangsbereich standen die Menschen dicht gedrängt. Wir mittendrin. Die Stimmung, die Musik und diese volle Kirche waren wirklich beeindruckend.
Gerade an großen Festtagen wie Weihnachten soll es hier ebenfalls sehr voll werden. Und wenn man die Geschichte der Kirche kennt, passt das erstaunlich gut: Die heutige Mühlfeldkirche entstand nämlich überhaupt erst, weil ihre Vorgängerin für die vielen Wallfahrer zu klein geworden war.
Von der kleinen Kapelle zur Wallfahrtskirche
An der Stelle der heutigen Kirche stand ursprünglich eine kleine Mariahilfkapelle auf dem sogenannten Mühlfeld. Ihren Namen verdankt die Gegend den Mühlen, die früher am Ellbach und seinen Wasserläufen lagen. Eine besondere Bedeutung bekam die Kapelle während der Pestzeit im 17. Jahrhundert. Die Menschen baten hier Maria um Hilfe, und die Wallfahrt nahm danach stark zu.
Zwischen 1735 und 1737 entstand deshalb die heutige Kirche nach Plänen des Wessobrunner Baumeisters Joseph Schmutzer. Der auffällige Doppelzwiebelturm kam etwas später hinzu. Sein Vorgänger war 1755 nach einem Blitzschlag zerstört worden; 1759 entstand der neue Turm.

Fast 300 Jahre später standen wir beim Patrozinium hinten in der überfüllten Kirche und mussten ein bisschen schmunzeln: Offenbar hat die Mühlfeldkirche ein Platzproblem mit Tradition.
Unbedingt nach oben schauen
Das kunsthistorische Herzstück ist das große Deckenfresko von Matthäus Günther aus dem Jahr 1737. Im Mittelpunkt steht Maria als Helferin der Kranken. Darunter finden sich Szenen aus der Tölzer Pestzeit.
Eine davon führt direkt zu einer Geschichte, die wir an anderer Stelle ausführlicher erzählen: dem Pestkreuz von Gaißach. Dort geht es um einen Bittgang der Tölzer im Pestjahr 1634, der eigentlich nach Gaißach führen sollte und anders endete als geplant. Auch der berühmte Hund, der in der lokalen Überlieferung eine besondere Rolle spielt, taucht im Fresko auf.

Spannend ist außerdem, dass nicht die gesamte Ausmalung aus der Barockzeit stammt. Das Langhaus wurde erst 1910 bis 1912 mit weiterem Stuck und Fresken von Anton Ranzinger ergänzt. Er orientierte sich dabei bewusst am Stil Günthers, sodass man heute zwei Kunstepochen im selben Raum sieht, ohne dass es sofort auffällt.
Das Gnadenbild – der eigentliche Ursprung
Wer nur zur Decke schaut, übersieht leicht das, worum ursprünglich alles kreiste: das Mariengnadenbild am Hochaltar.
Zu diesem Bild kamen die Menschen schon in der Vorgängerkapelle mit ihren Bitten und Sorgen. Die wachsende Verehrung war letztlich der Grund dafür, dass aus der kleinen Kapelle die heutige Wallfahrtskirche wurde.
Der Hochaltar ist deshalb nicht nur dekorativer Mittelpunkt, sondern gewissermaßen der Ausgangspunkt der ganzen Geschichte.
Ein besonderer Schatz: das „Silberne Tölz“
Zu den ungewöhnlichsten Ausstattungsstücken gehören zwei kostbare Votivtafeln aus dem 18. Jahrhundert, die als „Silberner Markt“ oder „Silbernes Tölz“ bezeichnet werden.
Darauf ist Bad Tölz aus Silber detailreich dargestellt – mit Häusern und Stadtansichten des barocken Tölz. Gleichzeitig zeigen die Tafeln, wie hoch entwickelt die Tölzer Goldschmiedekunst damals war.
Das Besondere daran: Sie sind normalerweise gar nicht zu sehen. Die Tafeln werden nur an hohen Feiertagen und Marienfesten gezeigt.
Es kann also gut sein, dass man gerade bei einem Patrozinium Dinge zu Gesicht bekommt, die einem bei einem normalen Besuch verborgen bleiben.
Die Krippe ist mehr als nur Weihnachtsschmuck
Auch in der Weihnachtszeit lohnt sich ein Besuch. Die historische Krippe der Mühlfeldkirche besitzt Figuren aus dem 18. und 19. Jahrhundert und wurde über viele Jahrzehnte erweitert.
Früher konnten damit bis zu 23 verschiedene Szenen des Kirchenjahres aufgebaut werden. Besonders prächtig ist der Dreikönigszug mit Pferden, Kamelen, Elefant, Treibern, Gefolge und sogar einer Musikkapelle. Die Krippe ist damit fast eine eigene kleine Welt innerhalb der Kirche.
Auch baulich hat die Kirche einiges erlebt
Die Mühlfeldkirche hatte im Laufe ihrer Geschichte mehrfach Glück. Das steinerne Gewölbe des Langhauses erwies sich im 18. Jahrhundert als zu schwer und wurde durch eine leichtere Holzkonstruktion ersetzt. Im 20. Jahrhundert setzte der zunehmende Straßenverkehr dem Bauwerk so stark zu, dass Erschütterungen die Stabilität gefährdeten. Ab 1972 musste die Kirche deshalb mehrere Jahre geschlossen und aufwendig gesichert werden. Dass sie heute so selbstverständlich dasteht, war also keineswegs immer sicher.
Und dann ist da noch Leonhardi
Auch mit einer der bekanntesten Tölzer Traditionen ist die Mühlfeldkirche verbunden. Bei der Tölzer Leonhardifahrt führt die Prozession nach der Umfahrt am Kalvarienberg wieder hinunter durch die Stadt und zurück zur Kirche.
Mehr dazu erzählen wir beim Kalvarienberg und der Tölzer Leonhardifahrt.
Unser Eindruck
Wir sind nicht wegen der Kunstgeschichte zum Patrozinium gegangen. Aber genau dieser Besuch hat uns gezeigt, wie viel in dieser Kirche zusammenkommt: Wallfahrt, Pestgeschichte, barocke Kunst, alte Tölzer Traditionen und bis heute gelebter Glaube.
Und vielleicht war gerade deshalb dieser eine Eindruck so stark: Eine fast 300 Jahre alte Kirche – und trotzdem bis auf den letzten Platz voll.
