
Ich erinnere mich noch daran, dass ich als Kind einmal den Pferdestall einer Bekannten meiner Eltern mit Kalk gestrichen habe. Dass Kalk nicht einfach irgendwo aus einem Eimer kommt, sondern zunächst aus Gestein gewonnen und mit enormem Aufwand hergestellt werden musste, wusste ich damals natürlich nicht. Umso spannender fanden wir es, als wir nach unserem Besuch beim alten Kalkofen am Jägerwirt in Bad Tölz erfuhren, dass es auch in Lenggries noch einen erhaltenen Kalkofen gibt. Also war die Sache klar: hinfahren, anschauen und herausfinden, was es mit dem alten Ofen auf sich hat.
Von außen ist der Lenggrieser Kalkofen zunächst eher unspektakulär. Kein großes Museum, keine spektakuläre Inszenierung – sondern ein historisches Gebäude, das man leicht übersehen könnte. Im Inneren gibt es allerdings gute Erklärungen, die zeigen, wie der Ofen aufgebaut war und wie aus Kalkstein schließlich der Baustoff entstand, den man früher für Mörtel, Putz und Kalkfarbe benötigte. Die Besichtigung selbst ist sicherlich kein Erlebnis, für das man einen halben Tag einplanen muss. Wenn man aber ohnehin in der Gegend unterwegs ist und der Kalkofen am Weg liegt, lohnt sich ein kurzer Abstecher allemal.
Ein Arbeitsplatz mit mehr als 1.000 Grad
Der Lenggrieser Kalkofen stammt aus dem 18. Jahrhundert. Im vorderen Bereich wurde Brennholz gelagert. Gleichzeitig diente dieser Raum den Kalkbrennern als Aufenthalts- und sogar als Schlafplatz. Besonders gemütlich dürfte es dort allerdings nicht gewesen sein, denn während eines Brandes musste der Ofen ständig überwacht werden.
Durch einen kurzen Gang gelangte man in den eigentlichen Brennraum. Dort wurden die Kalksteine sorgfältig aufgeschichtet. Im unteren Bereich blieb ein kuppelförmiger Hohlraum frei, in dem das Feuer brannte. Die Temperaturen stiegen auf mehr als 1.000 Grad, und ein Brennvorgang dauerte mehrere Tage. Während dieser Zeit musste ständig Holz nachgelegt und die Luftzufuhr geregelt werden. Danach musste der Ofen erst wieder langsam abkühlen.
Wer dort schlief, tat das also weniger aus Bequemlichkeit als aus Notwendigkeit. Irgendjemand musste schließlich immer ein Auge auf das Feuer haben.
Die Steine kamen aus der Isar
Besonders interessant ist die Geschichte des Rohmaterials. Verarbeitet wurden Kalksteine aus der Umgebung und dem Karwendelraum. Einen Teil davon lieferte die Isar praktisch frei Haus: Das Wasser transportierte Kalkgestein aus den Bergen ins Tal, wo geeignete Steine gesammelt werden konnten.
Dabei kommen die sogenannten „Stoaklauberinnen“ ins Spiel. Frauen suchten im Isarbett nach brauchbaren Kalksteinen und schichteten sie für den Weitertransport auf. Was heute beim Spaziergang an der Isar wie ein ganz gewöhnlicher heller Kiesel aussieht, konnte damals ein wertvoller Rohstoff sein.
Die Steine mussten zum Ofen gebracht, dort von Hand aufgeschichtet und mehrere Tage gebrannt werden. Erst durch die enorme Hitze entstand daraus Branntkalk.
Danach kam Wasser ins Spiel
Nach dem Abkühlen wurden die gebrannten Steine mit Wasser gelöscht. Dabei entstand Sumpfkalk, der unter anderem für Mauermörtel, Putz und Kalkfarbe verwendet wurde. Auch dieser Arbeitsschritt war nicht ganz ohne: Beim Löschen entwickelte sich ordentlich Wärme.
Ein einzelner Brand im Lenggrieser Kalkofen lieferte eine beträchtliche Menge Kalk, verschlang dafür aber auch große Mengen Brennholz. Daran wird deutlich, wie eng Kalkbrennen und Holzwirtschaft miteinander verbunden waren.
Ohne Holz kein Feuer, ohne Feuer kein Kalk.
Kalkbrennen gehörte einst zum Isarwinkel
Heute wirkt ein alter Kalkofen wie ein kurioses Einzelstück. Früher war das ganz anders. Das Kalkbrennen lässt sich im Isarwinkel über viele Jahrhunderte zurückverfolgen. Entlang der Isar gab es zahlreiche solcher Öfen, und auch in Lenggries standen einst mehrere.
Damit war der Kalkofen Teil einer ganzen regionalen Arbeitswelt. Holzarbeiter lieferten das Brennmaterial, Frauen sammelten die Steine, Kalkbrenner überwachten die Öfen und Flößer transportierten Holz, Kalk und andere Waren weiter isarabwärts.
Gerade im 19. Jahrhundert, als München stark wuchs, war der Bedarf an Baumaterial groß. Kalk aus dem Isarwinkel gelangte deshalb auf den Handelswegen bis nach München und darüber hinaus.
Wenn man heute an der Isar spazieren geht, denkt man bei den hellen Steinen vermutlich nicht unbedingt daran, dass sie früher einmal Arbeitsmaterial waren. Für die Menschen im Isarwinkel konnten sie allerdings Teil einer ganzen Wertschöpfungskette sein.
1958 war endgültig Schluss
Der Lenggrieser Kalkofen blieb erstaunlich lange in Betrieb. Erst 1958 endete die reguläre Nutzung. 1963 wurde er noch einmal für einen Schaubrand angeheizt, danach war endgültig Schluss.
Die industrielle Herstellung von Baustoffen hatte das traditionelle Kalkbrennen längst verdrängt. Aus einem Arbeitsplatz wurde ein technisches Denkmal.
Dass wir den Ofen heute überhaupt noch anschauen können, ist nicht selbstverständlich. In den 1970er-Jahren übernahm die Gemeinde das gefährdete Bauwerk und ließ es sanieren. Auch heute muss das historische Mauerwerk regelmäßig kontrolliert und erhalten werden.
Der Ofen ist also längst kalt – Arbeit macht er trotzdem noch.
Vom Tölzer Kalkofen zum Lenggrieser Gegenstück
Für uns war gerade der Vergleich mit dem Kalkofen beim Jägerwirt in Bad Tölz interessant. Beide erzählen im Grunde dieselbe Geschichte und zeigen, wie wichtig das Kalkbrennen früher für die Region war. Gleichzeitig wird einem erst beim zweiten Blick bewusst, wie viel Arbeit hinter etwas steckt, das heute völlig selbstverständlich erscheint.
Mein kleiner Ausflug in die Kindheit passt da ganz gut dazu: Damals habe ich den Pferdestall mit Kalk gestrichen und mir vermutlich überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, was eigentlich in diesem Eimer war. Heute wissen wir zumindest, dass dafür irgendwann einmal Kalkstein bei mehr als 1.000 Grad gebrannt werden musste.
So verändert sich der Blick auf einen alten Kalkofen dann doch.
Kein spektakuläres Ziel – aber eine interessante Entdeckung
Wer eine große Sehenswürdigkeit mit viel Unterhaltung erwartet, wird beim Kalkofen wahrscheinlich enttäuscht sein. Die Besichtigung ist überschaubar. Dafür bekommt man einen guten Einblick in ein Handwerk, das im Isarwinkel einmal zum Alltag gehörte und heute fast vollständig verschwunden ist.
Wenn der Kalkofen bei einer Tour durch Lenggries am Weg liegt, würden wir deshalb durchaus anhalten. Gerade mit dem Wissen, was hier früher passiert ist, wird aus dem unscheinbaren Gebäude plötzlich ein ziemlich interessantes Stück Regionalgeschichte.
Und am Ende haben wir noch etwas getan, was bei solchen historischen Orten eigentlich selbstverständlich sein sollte: Im Kalkofen steht eine Spendenbox für den Erhalt des Bauwerks. Wir haben etwas eingeworfen.
Denn wenn schon kein Feuer mehr im Ofen brennt, darf wenigstens ein bisschen Geld dafür sorgen, dass er noch lange stehen bleibt.

