
Manchmal entdeckt man die interessantesten Orte direkt vor der eigenen Haustür.
Den Klammerweiher kannten wir natürlich schon lange. Wir wussten, dass es ihn gibt und dass er mit der Geschichte von Bad Tölz und vor allem mit Thomas Mann verbunden ist. Trotzdem hat es bis jetzt gedauert, dass wir selbst einmal hingefahren sind.
Wir sind schließlich noch immer dabei, den Isarwinkel und das Oberland mit unseren Vespas Stück für Stück zu erkunden. Und dabei stellen wir immer wieder fest, dass es gar nicht immer die großen Ausflugsziele sein müssen. Manchmal reicht ein kleiner Abstecher zu einem Ort, an dem man bisher einfach vorbeigefahren ist.
Der Klammerweiher ist genau so ein Platz.
Ein Weiher, der früher ganz andere Aufgaben hatte
Heute wirkt der Klammerweiher ruhig und beinahe unscheinbar. Ursprünglich wurde er allerdings aus einem ganz praktischen Grund angelegt: als Eisweiher.
Im Winter wurde hier Eis gewonnen, das anschließend zur Kühlung in den Eiskellern des damaligen Klammerbräus verwendet wurde. Auch für die Freizeit war der Weiher schon früher interessant. Im Winter wurde dort Schlittschuh gelaufen und Eisstock geschossen, im Sommer diente er sogar als eine der ersten Badegelegenheiten in Bad Tölz.
Kaum vorstellbar, wenn man heute am Ufer steht.
Auf den Spuren der Familie Mann
Besonders spannend wird der Klammerweiher durch seine Verbindung zu Thomas Mann und seiner Familie.
Die Familie Mann verbrachte zwischen 1909 und 1917 regelmäßig ihre Sommer in Bad Tölz. Ihr Landhaus lag nur wenige Gehminuten entfernt und der Klammerweiher gehörte damals ganz selbstverständlich zum Umfeld der Familie. Einige der Mann-Kinder machten hier ihre ersten Schwimmversuche. Klaus Mann erinnerte sich später an seine eher angstvollen Versuche, dort schwimmen zu lernen.
Auch literarisch hat der kleine Weiher Spuren hinterlassen. Thomas Mann griff den Namen des Tölzer Klammerweihers für einen Teich in seinem Roman „Doktor Faustus“ auf. Der Ort ist damit nicht nur ein Stück Tölzer Stadtgeschichte, sondern hat auch Eingang in die Literatur gefunden.
Ein Spaziergang mit Lesepause
Eigens für einen Ausflug ist der Klammerweiher für uns zu klein. Wer aber ohnehin ein wenig spazieren gehen möchte, kann ihn wunderbar in den Thomas-Mann-Weg einbauen. Der rund drei Kilometer lange Rundweg führt zu verschiedenen Orten, die an die Zeit der Familie Mann in Bad Tölz erinnern – und dabei kommt man auch am Klammerweiher vorbei.
Hier lohnt es sich, nicht einfach weiterzugehen. Ein Bücherschrank lädt dazu ein, sich ein Buch herauszunehmen und eine kleine Lesepause einzulegen. Auf einer Liege oder einer Bank kann man es sich gemütlich machen, ein paar Seiten schmökern und den Spaziergang für einen Moment unterbrechen.
Gerade diese Mischung gefällt uns: ein geschichtsträchtiger Ort, ein bisschen Natur und die Möglichkeit, einfach einmal zur Ruhe zu kommen.
Direkt am Weiher erinnert außerdem eine Baumreihe an die Mitglieder der Familie Mann. Für Thomas Mann und seine Frau Katia sowie die Kinder Erika, Klaus, Golo und Monika wurden unterschiedliche Baumarten gepflanzt.
Ein kleiner Ort, den man leicht übersieht
Wer am Klammerweiher steht, sieht zunächst vor allem einen kleinen Weiher mit Bäumen und Schilf. Kennt man seine Geschichte, bekommt dieser unscheinbare Ort jedoch eine ganz andere Bedeutung.
Hier treffen Tölzer Stadtgeschichte, alte Brautradition und Literaturgeschichte aufeinander. Vom Eisweiher der damaligen Brauerei über die Badeanstalt bis zu den Schwimmversuchen der Mann-Kinder hat dieser kleine Platz schon einiges erlebt.
Für uns ist der Klammerweiher deshalb wieder eine dieser kleinen Entdeckungen, die zeigen, wie viel es in unserer unmittelbaren Umgebung noch zu entdecken gibt. Man muss dafür nicht weit fahren – manchmal reicht es, die Vespa abzustellen und ein paar Schritte zu gehen.
