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Der Jakobsweg: Der Weg nach Santiago de Compostela

Zwölf Etappen, über 270 Kilometer und Santiago immer vor Augen: Was als Auszeit begann, wurde zu einer Reise voller Begegnungen, Blasen, Zweifel und unerwarteter Freiheit. Warum ich heute noch daran denke.

Der Jakobsweg: Der Weg nach Santiago de Compostela

Fast 10 Jahre ist es inzwischen her, aber eine Geschichte wert: Über 270 Kilometer zu Fuß, zwölf Etappen und Santiago immer vor Augen: Begonnen hat alles mit einer Auszeit und der Frage, ob ich auf diesem Weg den Kopf frei bekommen würde. Es folgten gelbe Pfeile, kleine Pensionen, Blasen, Schmerzen, falsche Abzweigungen und viele Begegnungen. Menschen mit ihren Geschichten, kurze Gespräche am Wegesrand und das Gefühl, dass es irgendwann nur noch eine Richtung gibt: nach vorne.

Eigentlich wollte ich zunächst gar nichts darüber schreiben. Doch aus den kurzen täglichen Facebook-Posts wurden kleine Tagebucheinträge, auf die Freunde warteten. Diese Aufzeichnungen erzählen deshalb nicht nur vom Weg von Porto nach Santiago, sondern auch davon, wie aus vielen Schritten, kleinen Pausen und fremden Menschen eine ganz besondere Reise wurde.

Aufbruch

Da diese Reise (sie war nicht religiös motiviert) für mich eine besondere Erfahrung war, möchte ich die Geschichte nun anhand meiner Aufzeichnungen erzählen. Vielleicht inspiriert sie den einen oder anderen, den Weg selbst zu gehen und eigene Erfahrungen zu machen.

Warum der portugiesische Camino? Der französische Jakobsweg war mir für die Zeit, die ich hatte, schlicht zu lang. Der Camino Português bot die Möglichkeit, in überschaubarer Zeit nach Santiago zu gehen – lang genug für eine echte Auszeit, aber passend in meinen Zeitrahmen.

Die Vorbereitung war kurz und pragmatisch: Reiseführer, Pilgerpass und die üblichen Dinge im Gepäck, die in vielen Berichten empfohlen werden – wie sich herausstellte viel zu viel. Ich hatte Pensionen vorgebucht und mir so die Route vorgegeben. In den günstigen Pilgerunterkünften wollte ich nicht wohnen, sie sind zwar günstig, aber es gab nicht nur Gutes darüber zu lesen. Und irgendwie fühlte ich mich dafür auch irgendwie zu alt, auf die Erfahrung wollte ich verzichten.

Am 29. Mai 2017, einen Tag vor der Abreise war immer noch nicht gepackt, das Wetter viel zu schön. Das Endziel stand aber fest: Santiago de Compostela. Wie ich nur auf diese Idee gekommen war? Einfach mal abschalten, nachdenken, verarbeiten, abschließen und frei sein für Neues. Leider hat man nicht alles selbst in der Hand. Die Zeit würde zeigen, was wichtig oder unwichtig ist. Man muss immer nur das Beste daraus machen.

Am nächsten Tag ging es bereits mit dem Flieger von München nach Porto. „Ich bin dann mal weg.“ Einfach mal eine Auszeit, um nachzudenken. Und zu sehen, ob ich den Weg nach Santiago finde.

Nach meiner Ankunft in Porto blieb noch etwas Zeit, diese wunderschöne Stadt zu besichtigen. Ein erster Eindruck, der Lust auf mehr machte – bevor es mit dem Rucksack und vielen Fragen weiter Richtung Santiago ging. Porto war ein schöner Auftakt für das, was vor mir lag.

1. Etappe – Küste, Dünen, erste Blase

31. Mai 2017

Der erste richtige Wandertag war ein erfolgreicher: 38 Kilometer mit 14 Kilo auf dem Rücken entlang der Atlantikküste. Bei 21 Grad und Sonne, mit angenehmem Wind, ging es über Holzstege durch Dünen und durch Städtchen. Tolle Eindrücke wurden aufgesogen.

Auf halber Strecke traf ich eine Pilgerin aus Hamburg, die für eine kurzweilige Reststrecke sorgte.

Und ja, die erste Blase an der Ferse war auch da. Ich hatte mich für die Wanderschuhe an dem Tag entschieden – ein Fehler für den Küstenweg. Ab dem nächsten Tag sollte es ins Landesinnere gehen. Ohne den Wind würde es bestimmt um einiges angenehmer werden. Ich war fix und fertig, aber stolz, mich der ersten Herausforderung gestellt zu haben.

2. Etappe – Kurz geplant, hart gestartet

1. Juni 2017

Die zweite Etappe war mit zwölf Kilometern extrem kurz geplant, eher als ausgedehnter Spaziergang. Nach den ungewohnten 38 Kilometern meldeten sich in der Nacht allerdings Beine und Gelenke. Das würde ziemlich hart werden, dachte ich. Also noch magnesiumhaltige Nahrungsergänzungsmittel und eine Paracetamol eingeworfen – nach der morgendlichen Dusche waren die Beine wieder lauffähig.

Die Chefin der Pension war superherzlich und leistete beim Frühstück Gesellschaft. Die Pension war liebevoll im 50s-Style und mit Themenzimmern eingerichtet, echt zum Wohlfühlen.

Am Morgen kamen weitere Pilger aus Mainz und Worms dazu, sodass wir zu fünft in den Tag starteten. Privates und Berufliches blieben kein Geheimnis: Jeder hatte sein Päckchen zu tragen, man ist nicht allein.

Der Weg führte an der Straße durch kleinere Örtchen, landschaftlich nicht besonders reizvoll. Spaß hatten wir trotzdem, als wir einen älteren Einheimischen baten, ein Gruppenfoto zu machen. Er hatte wohl noch nie ein Smartphone in der Hand, verdeckte die Linse mit der Hand und hielt sich das iPhone wie eine Kamera vors Gesicht. Nach einigen Versuchen und Erklärungen klappte das Foto dann doch noch. Die 21 Grad ohne Wind und Schatten waren ein spürbarer Unterschied zur Küstenwanderung. Viele Pilger hatten die UV-Strahlung unterschätzt und feuerrote Unterschenkel und Oberarme.

In Arcos trennten sich unsere Wege. Ich hatte meine Unterkunft ja vorgebucht, die anderen wollten nach Rates oder noch weiter. Solange die Beine halt tragen. Vielleicht trifft man sich irgendwo auf dem Weg nochmals?

Die Wäsche war gewaschen, die zweite Blase am Fuß war auch da – also alles im Plan. Ich war ja nicht auf der Flucht, sondern machte „Urlaub“.

3. Etappe – Ein bissl mehr geht immer

2. Juni 2017

Am 2. Juni ging es alleine weiter. 17 Kilometer waren laut Kartenmaterial geplant. Der Start war später als gedacht, Frühstück gab es erst ab 8:30 Uhr – dafür reichhaltig. Gleich am Morgen wurde mein Schulenglisch auf die Probe gestellt: nur Engländer, keine Deutschen.

Der Weg führte über Pflastersteine, aber auch durch Wäldchen auf Forstwegen. Für diesen Abschnitt waren die Laufschuhe wesentlich bequemer und gut machbar.

In Rates lief ich fast in die falsche Richtung, weil ich auf der Suche nach einer Pharmacia zum Auffüllen der Magnesiumvorräte einen gelben Pfeil übersehen hatte. Eine Einheimische rief mir nach und erklärte, wo ich abbiegen musste. Irgendwann hätte ich es schon gemerkt, die Pfeile kommen ja regelmäßig – aber ärgerlich war der Umweg trotzdem.

Mittagspause gab es in Pedra Furada: Pilgrim Menue mit Suppe, gegrilltem Hühnchen und einer Cola für sechs Euro. Ein Südamerikaner setzte sich dazu, und ich musste zum zweiten Mal mein Englisch auskramen. Ich denke, er hat mich schon verstanden.

Weiter ging es über Stock und Stein. Alleine zu laufen war angenehm: Tempo selbst festlegen, Pause machen, wann man will, Stöpsel rein und Musik hören, wenn die Beine schwer werden. Man kann abschalten.

In Barcelos erwartete mich ein mittelalterliches Fest. Schön wäre es gewesen, etwas zu bummeln, aber lieber ab in die Pension, duschen und früh schlafen. Die Beine waren derzeit schlimmer als die Füße. Aus 17 Kilometern waren 22,5 geworden. Am nächsten Tag standen 33 Kilometer an. Mir graute davor, aber auch das würde ich irgendwie hinter mich bringen.

4. Etappe – The Walking Dead

3. Juni 2017

Zum Glück hatte ich mich am Abend zuvor noch mit einem Steak gestärkt. Wer mich kennt: Ich esse meist wie ein Spatz. Das Teil hatte ich mir aber komplett einverleibt – bis auf das Grünzeug. Der Versuch, unnötigen Ballast wie Softshelljacke und Wanderstöcke durch die Pension nach München zu schicken, scheiterte: Die Post hatte zu. Also Rucksack auf den Rücken und los.

Kurz darauf traf ich zwei Deutsche, wieder eine Hamburgerin und eine Schwarzwälderin. Das Tempo der beiden Damen war eher ein Kirchgang; so wäre ich nie in Ponte de Lima angekommen. Nach einem Kaffee schloss ich mich einer Frühstücksbekanntschaft an. Ui, die Dame hatte ein Tempo drauf. Ihre Etappe war weniger als die Hälfte meiner Strecke, also Vollgas mithalten. Hätte ich das mal nicht gemacht.

Die wenigen Höhenmeter waren nichts für die gereizte Achillessehne. In Balugaes trennten sich unsere Wege, und mit wesentlich reduzierter Geschwindigkeit ging es weiter.

Ich kam mir ein bisschen vor wie in The Walking Dead. Kilometer um Kilometer kämpfte ich mich vorwärts. Es ging schmerzbedingt an meine Grenzen, aber aufgeben? Niemals. Die schöne Natur und Landschaft, die wunderbar erhaltenen Kapellen und Kirchen waren ein Trost und halfen, die Schmerzen auszublenden.

Die letzten Kilometer war der Fuß wieder etwas freigelaufen. Fix und fertig, nach sieben Stunden Marsch und 35 Kilometern, kam ich stolz wie Oskar endlich im Ziel an.

5. Etappe – Ein neuer Freund

4. Juni 2017

Hätte ich gewusst, wie nett Barcelos oder Ponte de Lima sind, hätte ich vielleicht einen Besichtigungstag eingebaut. Aber die Reise war zeitoptimiert getaktet. Beim Frühstück am 4. Juni war die Runde international: Brasilianer, Kanadier und Australier. Thema war Trump. Nee, Politik zum Frühstück musste nicht sein, schon gar nicht auf Englisch.

Der heutige Abschnitt war nach der Küstenwanderung der bisher schönste: abwechslungsreich, ein bisschen anspruchsvoll, über Feld- und Waldwege bergauf und bergab quer durchs Land. Schöne Eindrücke, viel Ruhe und nur der Wind in den Bäumen.

Zum Glück hatte ich mich für die Bergschuhe entschieden. Sie gaben dem linken Fuß, der am Vortag Probleme gemacht hatte, Halt. Die Strecke lief ich alleine, nur mit einem kurzen Talk mit einem Kölner. So konnte ich mich auf Landschaft und Natur konzentrieren und die Seele baumeln lassen.

Mit dem Rucksack hatte ich inzwischen Frieden geschlossen. Die richtige Position verteilte das Gewicht auf das Becken. „Guten Morgen, mein Freund, lass uns losziehen!“, begrüßte ich ihn. Vielleicht machte er sich deshalb auf dieser Etappe extra leicht.

6. Etappe – ¡Viva España!

5. Juni 2017

Am 5. Juni ging es von Rubiaes 22 Kilometer nach Tui. Der Tag war anstrengend. Der linke Meniskus schmerzte, jeden Tag ein anderes Zipperlein. Ob die Bandage aus der Apotheke helfen würde, musste sich zeigen. Aber immer noch besser als Blasen an den Füßen, über die eine Frankfurterin am Abend zuvor geklagt hatte.

Die Etappe war okay, bot aber wesentlich weniger Eindrücke als die vorherige, die ein absolutes Highlight gewesen war.

Den Tag alleine zu gehen war eigentlich am schönsten. In den Pausen und abends mit Leuten auszutauschen, tat gut. Die Themen waren meist ähnlich, aber dennoch jedes Mal anders. Spannend war es, sich über die Beweggründe der Reise auszutauschen und zu erfahren, was die Leute so machten.

Spanien war erreicht: knapp 150 Kilometer lagen nun hinter mir, mehr als die Hälfte der Gesamtstrecke. Dass ich mal freiwillig so weit laufen würde – wer hätte das gedacht? Ich anfangs am wenigsten. Aber der sportliche Aspekt war nur ein Teil der Unternehmung. Ein bissl stolz war ich schon.

Der Abend war entspannt. Einheimische empfahlen das galizische Bier 1906 mit 6,5 Prozent Alkoholgehalt. Ein guter Tropfen.

7. Etappe – Vagabundenleben

6. Juni 2017

Es war erstaunlich, wie schnell man sich an einen vollkommen anderen Lebensstil gewöhnen konnte. Jeden Tag viele Kilometer laufen und sich sogar darauf freuen. Keine Fünf-Sterne-Hotels mit Zipp und Zapp, sondern kleine Pensionen, meist für um die 35 Euro inklusive Frühstück im Einzelzimmer. Die Erfahrung der Herbergen hatte ich mir erspart: Bis zu 30 Leute in einem Zimmer, Bettwanzen soll es teilweise geben, schlechte Luft und einer schnarcht immer.

Auch das tägliche Rucksack ein- und auspacken ging routiniert. Man wusste, wo man was brauchte. Frühstück, manchmal auch auf die Hand für unterwegs, sonst Protein- oder Energieriegel; selten ein großes Mittagessen, das müde machte, erst abends dann ordentlich.

Auf der Strecke traf man immer wieder Leute der letzten Etappe und begrüßte sich herzlich. Kurzer Austausch über Strecke und Wehwehchen, dann ging es weiter. Meine Reisegeschwindigkeit war inzwischen langsamer geworden. Ich war ja nicht auf der Flucht.

Füße und Beine taten abwechselnd, manchmal gleichzeitig weh. Stehen bleiben, wo man wollte, um sich etwas anzuschauen. Pause machen, wann man wollte. Das war Freiheit. Ich lernte es allmählich. Manche noch so wichtig erscheinenden Dinge wirkten plötzlich lächerlich und unbedeutend. Andere betrachtete man mit etwas Abstand anders.

Auf dem Camino blickte man ganz selten zurück, eigentlich nur am Anfang. Ziemlich schnell ging es nur noch in eine Richtung: nach vorne. Das schien das Geheimnis zu sein.

8. Etappe – Wieder am Meer

7. Juni 2017

190 Kilometer waren zurückgelegt, die letzten hundert bereits angebrochen.

Um die Compostela zu erhalten brauchte man auf dem Weg übrigens mindestens zwei Stempel pro Tag, die man an verschiedenen Orten bekommen kann, meist Restaurants.

Der linke Meniskus tat trotz Bandage und Voltaren-Salbe tierisch weh, der linke Fuß war im Bereich der Achillessehne geschwollen und schmerzte. Trotzdem lief es heute wieder etwas runder, zumindest mit weniger Wehwehchen. Die ersten acht Kilometer waren seltsam: kein einziger Pilger, und ich war schon etwas verunsichert, ob ich wirklich richtig war.

Dann sah ich Hans aus Köln. Ich hatte ihn einige Tage zuvor das erste Mal überrundet. Er blieb mir in Erinnerung, weil er mit seinen Wanderstöcken kämpfte und laut „so ein Scheißdreck!“ von sich gab. Seitdem kreuzten sich unsere Wege immer wieder. Er stand früher auf, ich holte ihn dann ein.

Ein Päuschen am Nachmittag wurde unterhaltsam. Ein Einheimischer unterhielt sich zunächst auf Spanisch mit mir, dann versuchte er es mit Esperanto, ich sprach mein gebrochenes Englisch. Die Wirtin übersetzte zum Teil. Verstanden hatten wir beide, glaube ich, nichts, aber wir hatten unseren Spaß. Als Amigos gingen wir auseinander.

Die Unterkunft außerhalb von Redondela am Meer war ein kleiner Umweg, der sich gelohnt hatte: ein fabelhafter Ausblick zum Abendessen.

9. Etappe – My Way

8. Juni 2017

Die nächste Etappe führte von Redondela nach Pontevedra wieder landeinwärts. Waldabschnitte, die auf den Fotos vielleicht ähnlich aussehen, aber durch Lichtverhältnisse immer wieder anders auf einen wirken.

Ein interessanter Moment war ein Stau auf der Strecke. Jugendliche gingen Hand in Hand zu zweit eine steinige Strecke bergauf. Zunächst dachte ich, ein Blinder werde von einem Sehenden geführt. Es war eine Firmungsgruppe aus der Nähe der Schweiz. Sinn der Übung war, als „Blinder“ dem „sehenden“ Partner blind zu vertrauen und sich auf ihn zu verlassen. Eine tolle Idee.

Am Abend traf ich alte Bekannte: Rheinische Frohnatur Hans und Stephan aus Hamburg. Ein angenehmer Abend.

Zum Thema „My Way“: Ich war kein konservativer, klassischer Pilger, und ganz ehrlich, auf dem gesamten Weg hatte ich bisher auch keinen solchen getroffen. Es waren weltoffene Menschen, viele mit gescheiterten Beziehungen, die ausschlaggebend waren, den Weg zu beschreiten, um mit sich selbst wieder ins Reine zu kommen. Der moderne progressive Pilger also, eher spirituell als konservativ. Interessante Begegnungen mit Gleichgesinnten, den Spaß nicht zu vergessen – das war und ist der Sinn.

Ein bissl bekam ich den Blues: nur noch drei Tage Vagabundenleben. Ich wollte keinen Tag missen. Der schönste „Urlaub“ ever. Es war mein Weg, den jeder auf der gleichen Strecke anders erleben darf.

10. Etappe – Vertraute Gesichter

9. Juni 2017

Am 9. Juni führte die Etappe 22 Kilometer von Pontevedra nach Caldas de Reis. Noch rund 50 Kilometer bis Santiago. Morgens war es noch ziemlich kühl, mittags kam ich mir wie im tropischen Regenwald vor. Viele Spanier waren unterwegs, die nur die letzten hundert Kilometer mit leichtem Gepäck in Gruppen an mir vorbeizogen. Das motivierte.

Mittags traf ich dann auf inzwischen vertraute Gesichter: Alex, Sabine und Stephan. Gemeinsam setzten wir den Weg fort. Kleines Päuschen zwischendurch, wieder aufsatteln, weiterziehen. Es waren diese Begegnungen, die den Reiz des Caminos ausmachten.

Schmerzen im vorderen Schienbein machten sich bemerkbar. Gut, dass eine Begleitung blasengeschädigt am Fuß war und damit das Tempo gedrosselt wurde. Erstmals hatte ich Probleme mitzuhalten.

Ein sehr entspannter Abend in einer Bar schloss den Abend ab. Wir waren so um die zwölf Deutsche aus unterschiedlichen Wandergemeinschaften. Selten so entspannt gewesen. Schade, dass es schon bald vorbei war. Aber ich war mir fast sicher: Einige würden sich wiedersehen. Irgendwann, irgendwo.

11. Etappe – Augen zu und durch

10. Juni 2017

250 Kilometer lagen am 10. Juni bereits hinter mir. Die Etappe von Caldas de Reis nach Padrón war eine der kürzesten, landschaftlich reizvoll und mit vielen Waldstücken. Darauf konnte ich mich kaum konzentrieren. Bei jedem Schritt machte sich ein Stechen im Schienbein bemerkbar, das trotz Voltaren-Salbe nicht weggehen wollte. Zum Glück war ich alleine unterwegs. Kopfhörer rein, Musik auf die Ohren und auf den Zieleinlauf hoffen. Das gelang. Den Schweinehund hatte ich überwunden.

Im Hotel gab es eine Freude: Gegenüber war ein Waschsalon. Heute mal keine Handwäsche. Was ein Luxus! Alles wieder richtig frisch und sauber.

Für 19 Uhr hatte sich unsere inzwischen gefestigte und wirklich richtig nette Pilgergruppe zum Abendessen verabredet. Am nächsten Tag die letzten 25 Kilometer. Santiago, ich komme – und wenn ich robben muss.

12. Etappe – Finale

11. Juni 2017

25 Kilometer können echt schmerzhaft sein, wenn das vordere Schienbein sticht wie Hölle. Aber egal, ich hab’s durchgezogen. Über 270 Kilometer lagen hinter mir und den anderen Pilgern.

Morgens hatte ich leider zwei nette Mitpilgerinnen versetzt; sie waren außerhalb des WLANs und hatten meine Nachricht nicht erhalten. Dann durch die Lande geschleppt, das Ziel Santiago vor Augen. Irgendwann kreuzten sich unsere Wege wieder. Ich kam an, die anderen zogen gerade weiter. Toll!

Zum Glück war es meist bewölkt, also super zu wandern. Die letzten zehn Kilometer waren echt zäh. Zum Glück hatte ich Hans. Auf der Geraden war er ganz flott, am Berg holte ich ihn auf. Und irgendwann waren wir zum Zieleinlauf in Santiago. Die Mädels waren natürlich alle schon da, das sollte mir zu denken geben.

Und dann Santiago: viele Menschen nach zwei Wochen Ankommen. Und dann diese Pauschaltouristen mit Rucksäckchen, die nur die letzten hundert Kilometer gelaufen waren, das geht nämlich auch. Zuletzt noch eine Stunde für die Compostela anstehen. Stressiger als zwei Wochen laufen. Hans daher gereizt, ich wie immer Optimist. Es waren ja nur noch hundert vor uns in der Schlange. Aber auch das überstanden.

Um 19 Uhr traf sich die Pilgergruppe vor der Kathedrale. Auf dem Weg dorthin riefen mir plötzlich Mädels hinterher, die ich in Zivil gar nicht erkannt hatte: Es waren zwei Kanadierinnen. Einer hatte ich einige Tage zuvor mit Wasser und Magnesium ausgeholfen, nachdem ich sie total am Ende am Straßenrand aufgegabelt hatte.

Abends dann Essen mit der Pilgergruppe, bestehend aus zehn Deutschen und zwei Belgiern, wenn ich mich nicht verzählt hatte. Schade, dass es allmählich schon zu Ende ging.

Tag 13 – Abschied

12. Juni 2017

Der letzte Tag war emotional schwierig. Die Luft war irgendwie raus, jeder gedanklich wahrscheinlich schon wieder in seinem ehemaligen Leben. Meine Beine hätten mich nicht weitergetragen.

Meine Reise beendete ich eigentlich um zwölf in der Kathedrale bei der Messe auf Spanisch. Leider kein Wort verstanden. Zum krönenden Abschluss kam dann noch der Botafumeiro zum Einsatz, das große Weihrauchfass der Kathedrale. Acht Tiraboleiros setzten ihn in Bewegung, und dann flog er hoch durch das Querschiff, von einer Seite der Kathedrale zur anderen. Das war extrem beeindruckend und nahegehend. Nach all den Kilometern, Begegnungen und Schmerzen hätte es keinen besseren Abschluss geben können.

Die Reise war ein Weg der Begegnungen. Die meisten waren überwiegend positiv, einige konnte man auch weglassen. Ob mich der Weg verändert hat? Bestimmt ein bisschen. Ich hatte gelernt, dass ich erreichen kann, was ich will. Das hätte ich mir nicht zugetraut. Schon gar nicht physisch.

Unterm Strich war es der richtige Zeitpunkt, diese Erfahrung zu machen. Nicht früher und nicht später. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen. Wann es so weit ist, muss jeder selbst spüren. Mir hat es geholfen, den Kopf frei zu bekommen. Und anderen vielleicht auch.

Heimreise – Der erste, vielleicht auch letzte Camino

13. Juni 2017

Am 13. Juni ging es über Madrid zurück nach München. Das war’s. Der erste, aber vielleicht auch letzte Camino. Danke an meine Füße und Beine, die mich bis Santiago getragen haben. Die Reise war die schönste und intensivste bisher. Ich möchte keine Minute missen. Ruhe und Begegnungen – eine perfekte Mischung. Danke an alle, die mich auf dem Weg ein Stück weit begleitet haben. Es war toll, euch kennengelernt zu haben. Man sieht sich meist zweimal im Leben.

Heute denke ich noch gelegentlich an diese Tage zurück: an die gelben Pfeile, die kleinen Pensionen, die Blasen und die langen Wege, an Gespräche am Wegesrand und an Menschen, die aus Fremden schnell Weggefährten wurden. Vieles, was unterwegs wichtig schien, hat sich mit etwas Abstand anders gezeigt. Der Camino liegt hinter mir, aber ein Stück davon geht noch weiter mit mir mit. Vielleicht ist es genau das, was bleibt: seinen eigenen Weg zu gehen, Schritt für Schritt, und dabei selten zurückzublicken.

Bon Camino.

Der Jakobsweg: Der Weg nach Santiago de Compostela