Lieblingsbier, Klostergeschichte und 42 Stammtische

Bräustüberl Tegernsee

Das Bräustüberl verbindet Klostergeschichte, Kultbier und 42 Stammtische – perfekt als Einkehr bei einer Vespa-Runde um den See.

Bräustüberl Tegernsee

Eine Runde mit der Vespa um den Tegernsee geht eigentlich immer. Und wenn wir dabei in Tegernsee vorbeikommen, liegt ein Zwischenstopp im Bräustüberl ziemlich nahe. Nicht nur wegen der Lage direkt am See und neben dem Schloss, sondern auch aus einem sehr einfachen Grund: Tegernseer ist mein Lieblingsbier.

Das allein würde wahrscheinlich schon reichen. Zum Glück kann man dort aber auch noch richtig gut essen – und, was an einem der touristischsten Orte im Oberland durchaus bemerkenswert ist, zu Preisen, die wir immer noch als angenehm bodenständig empfinden. Natürlich ist das Bräustüberl voll, manchmal sehr voll, und an schönen Tagen hört man rund um die Tische gefühlt halb Deutschland. Trotzdem hat es sich etwas bewahrt, das man an einem solchen Ort gar nicht unbedingt erwarten würde: Es ist eben nicht nur Touristenattraktion, sondern immer noch ein echtes Wirtshaus.

Erst kamen die Mönche, dann das Bier

Die Geschichte von Tegernsee beginnt traditionell im Jahr 746 mit der Gründung des Benediktinerklosters durch die Brüder Adalbert und Otkar. Ob es wirklich exakt 746 war, darüber streiten Historiker inzwischen ein wenig. Die Jahreszahl hat sich trotzdem durchgesetzt – und steht heute sogar prominent auf den Tegernseer Bierflaschen.

Das Kloster entwickelte sich im Mittelalter zu einem der bedeutendsten Benediktinerklöster Bayerns. Es besaß umfangreiche Ländereien, verfügte über Salzrechte und war ein wichtiges kulturelles Zentrum mit Bibliothek, Schreibstube und sogar einer bedeutenden Glaswerkstatt. Hinweise auf Brauer im Kloster gibt es bereits um das Jahr 1000. Die Vorstellung, dass die Benediktinermönche den ganzen Tag mit Maßkrügen im Kreuzgang saßen, sollte man allerdings lieber wieder vergessen. Offenbar tranken sie selbst durchaus gerne Wein aus klostereigenen Besitzungen in Südtirol und der Wachau. Das Bier brauchte man trotzdem – für Bedienstete, Gäste und nicht zuletzt als Einnahmequelle.

1675 wurde daraus ein richtiges Geschäft. Abt Bernhard Wenzl ließ das Brau- und Ausschankrecht von Holzkirchen nach Tegernsee übertragen. Von da an durfte im Kloster offiziell gebraut und ausgeschenkt werden. Das Geld konnte man gut gebrauchen, denn das Kloster wurde damals aufwendig barockisiert. Man könnte also etwas zugespitzt sagen, dass ein Teil der barocken Pracht von Tegernseer Bier mitfinanziert wurde.

Das Kloster verschwand – die Brauerei blieb

1803 kam die Säkularisation und damit das Ende der Benediktinerabtei. Nach mehr als tausend Jahren mussten die Mönche Tegernsee verlassen. Der riesige Klosterkomplex wurde verkauft und anschließend teilweise regelrecht ausgeschlachtet. Karl Joseph Freiherr von Drechsel kaufte die Anlage und ließ große Teile abbrechen. Baumaterial konnte man schließlich immer gebrauchen.

Das ist wichtig, weil man heute leicht den Eindruck bekommt, das ehemalige Kloster stehe im Wesentlichen noch vollständig da. Tatsächlich blieb nur ein Teil des riesigen Komplexes erhalten. Die ehemalige Klosterkirche existiert bis heute als Pfarrkirche St. Quirin, und Teile des Klosters wurden später zum Schloss umgebaut. Auch der Brauereibereich überlebte.

1817 kaufte König Max I. Joseph die verbliebenen Teile des ehemaligen Klosters samt Brauerei. Diese wurde fortan unter dem damals durchaus wörtlich gemeinten Namen „Königliches braunes Brauhaus Tegernsee“ geführt – „braun“ bezog sich auf das damals übliche dunkle Bier. Später gelangte sie an die herzogliche Linie der Wittelsbacher, der sie bis heute gehört. Daraus wurde das heutige „Herzoglich Bayerische Brauhaus Tegernsee“.

Die Mönche waren also weg, das Bier blieb. Manchmal setzt Geschichte offenbar die richtigen Prioritäten ;-).

Aus dem Stüberl für Bräuburschen wird eine Institution

Das heutige Bräustüberl begann deutlich bescheidener. Ursprünglich war es vor allem ein Ausschank für die Beschäftigten der Brauerei – die Bräuburschen. Mit dem königlichen Hof änderte sich allerdings auch das Publikum am Tegernsee. Adel, Künstler und wohlhabende Sommerfrischler entdeckten die Gegend. Aus dem eher abgeschiedenen Klostertal wurde nach und nach eines der bekanntesten Ausflugs- und Ferienziele Bayerns.

Im Bräustüberl saßen plötzlich Einheimische, Bauern und Brauer neben Künstlern und vornehmen Gästen. Genau diese Mischung hat sich erstaunlicherweise bis heute gehalten.

Wenn man die Zeche nicht zahlen kann, malt man eben die Wand an

Eine unserer Lieblingsanekdoten aus dem Bräustüberl stammt aus dem Jahr 1885. Der ungarische Maler Toni Aron soll damals eingekehrt sein und anschließend ein kleines Problem gehabt haben: Er konnte seine Zeche nicht bezahlen.

Heute würde vermutlich irgendwann die EC-Karte gezückt oder ein Freund angerufen. Aron fand eine kreativere Lösung: Er bezahlte mit Kunst. Die sechs fröhlichen Engerl, die er an die Wand malte, sind bis heute im Bräustüberl zu sehen.

Wenn die Geschichte stimmt – und sie gehört fest zur Überlieferung des Hauses –, dürfte es sich um eine der nachhaltigsten unbezahlten Wirtshausrechnungen Bayerns handeln. Der Wirt bekam statt ein paar Gulden ein Wandgemälde, das fast 140 Jahre später immer noch bestaunt wird. Ein schlechter Tausch war das offenbar nicht.

Touristenmagnet – aber die Stammtische sind noch da

Wenn man heute ins Bräustüberl kommt, kann man durchaus auf die Idee kommen, die Einheimischen seien längst von den Touristen verdrängt worden. Gerade an schönen Wochenenden ist dort ordentlich Betrieb, Reisegruppen und Tagesausflügler inklusive. Wir hatten deshalb selbst vermutet, dass es früher wahrscheinlich deutlich mehr Stammtische gegeben habe.

Die Recherche hat uns eines Besseren belehrt: Es gibt immer noch rund 42 Stammtische. Darunter Jager, Fischer, Lehrer, Rosser, aktive und ehemalige Mitarbeiter der Brauerei und verschiedene andere Gruppen. Manche treffen sich jede Woche, einige schon seit Jahrzehnten.

Das ist eigentlich die schönste Antwort auf die Frage, ob das Bräustüberl inzwischen nur noch Touristenkulisse ist. Nein. Die Touristen sind einfach zusätzlich da.

Früher deutlich weniger Essen – dafür deutlich mehr Rauch

Auch das Bräustüberl selbst war früher anders. Als der heutige Wirt Peter Hubert 2003 übernahm, gab es im Wesentlichen Brotzeiten. Für eine größere warme Küche war schlicht nicht genug Platz. Hubert baute die Küche um und erweiterte das Angebot.

Das sorgte zunächst durchaus für Skepsis bei manchen Stammgästen. Aus ihrem Bräustüberl sollte doch bitte kein schickes Restaurant werden. Die Sorge dürfte sich erledigt haben. Heute gibt es warme bayerische Küche, ohne dass man das Gefühl hätte, in einem durchgestylten Touristenrestaurant zu sitzen. Und genau das mögen wir. Das Essen ist gut, die Portionen passen, und für die Lage direkt am Tegernsee finden wir die Preise nach wie vor erstaunlich vernünftig.

Auch der Biergarten war früher wesentlich kleiner. Im Grunde standen nur einige Tische entlang der Hauswand. Dafür gab es innen offenbar deutlich mehr Atmosphäre – sofern man unter Atmosphäre auch Zigarettenrauch versteht. Der Wirt erinnert sich daran, dass früher so viel geraucht wurde, dass man beim Betreten regelrecht gegen eine Rauchwand gelaufen sei. Heute wäre das kaum noch vorstellbar.

Das Tegernseer wurde irgendwann fast zu erfolgreich

Tegernseer Hell ist längst kein Bier mehr, das hauptsächlich rund um den See getrunken wird. Noch Anfang der 1970er-Jahre wurde ein großer Teil der Produktion direkt im Tegernseer Tal verkauft. Dann begann der Aufstieg zum überregionalen Kultbier.

Irgendwann wurde die Nachfrage so groß, dass die historischen Brauereigebäude an ihre Grenzen kamen. Deshalb entstand 2011/12 bei Moosrain beziehungsweise Kreuzstraße ein neues Abfüll- und Logistikzentrum. Wichtig dabei: Gebraut wird weiterhin in Tegernsee. Das fertige Bier wird anschließend zur Abfüllung transportiert. Das hatte noch einen angenehmen Nebeneffekt, denn die vielen Lastwagen, die früher durch den historischen Schlossbereich zur Brauerei fahren mussten, konnten deutlich reduziert werden.

Aber selbst diese Erweiterung genügte bald nicht mehr. Auch am Tegernseer Standort wurde die Produktion weiter ausgebaut. Zeitweise war vorgesehen, die mögliche Tagesproduktion nahezu zu verdoppeln. Das führte verständlicherweise zu Diskussionen, denn irgendwann treffen zwei Dinge aufeinander: ein extrem erfolgreiches Bier und eine Brauerei, die mitten in einem historischen Schloss- und Ortsensemble steht. Irgendwo muss das zusätzliche Tegernseer schließlich herkommen. Als Liebhaber des Bieres bin ich bei dieser Diskussion vielleicht nicht vollkommen neutral.

Ein touristischer Ort, an den trotzdem die Einheimischen gehen

Genau das gefällt uns am Bräustüberl. Natürlich ist es touristisch. Alles andere wäre bei dieser Lage auch ziemlich überraschend. An einem sonnigen Sommertag fährt niemand zufällig am Tegernsee vorbei und denkt sich: „Komisch, heute gar keine Ausflügler.“

Das Bräustüberl ist groß, bekannt und längst eine Sehenswürdigkeit für sich. Trotzdem funktioniert es noch als normales Wirtshaus. Einheimische sitzen dort weiterhin an ihren Stammtischen, daneben Urlauber, Tagesausflügler, Radfahrer und Motorradfahrer. Im Biergarten stehen die Maßkrüge dicht nebeneinander, und am Ende interessiert eigentlich niemanden besonders, wer nun Tourist und wer Tegernseer ist. Vielleicht ist genau diese Mischung Teil des Erfolgs.

Für uns ein ziemlich perfekter Vespa-Zwischenstopp

Wir verbinden das Bräustüberl gerne mit einer Runde um den Tegernsee. Mit der Vespa macht die Strecke ohnehin Spaß, und eine Einkehr lässt sich wunderbar einbauen. Dann steht die Vespa draußen, vor einem ein Tegernseer Radler, dazu etwas Gutes zu essen – und für eine Weile darf es ruhig ein bisschen touristischer sein.

Gerade weil wir das Bier sowieso gerne trinken, gehört der Besuch für uns irgendwie zum See dazu. Und wenn man inzwischen weiß, dass an diesem Ort seit Jahrhunderten Bier gebraut wird, dass die Benediktinermönche selbst offenbar lieber Wein tranken, ein Maler seine Zeche mit sechs Engerln bezahlte, große Teile des Klosters nach der Säkularisation abgerissen wurden und trotzdem bis heute 42 Stammtische im Bräustüberl sitzen, bekommt das Ganze noch einmal eine andere Qualität.

Das Tegernseer bleibt für mich trotzdem vor allem eines: mein Lieblingsbier. Aber zu wissen, was alles hinter dem Maßkrug steckt, schadet beim Trinken ganz sicher nicht.