
Wenn wir im Kurpark ein bisschen gechillt haben oder bei einer Veranstaltung im Kurhaus waren, landen wir anschließend ganz gerne noch beim Tölzer Binderbräu. Manchmal nur auf ein Bierchen, manchmal bleiben wir gleich zum Abendessen. Das Schöne daran: Vom Kurpark ist es nur ein Katzensprung – und drinnen steht man praktisch schon mitten in der Brauerei.
Ich gebe zu: Beim Bier bin ich eigentlich eher Team Tegernseer. Aber auch das Tölzer Bier schmeckt! Und irgendwie noch ein bisschen besser, wenn man direkt daneben sitzt und weiß, dass es nur wenige Meter entfernt in den großen Kupferkesseln gebraut wurde.
Doch der Binderbräu ist nicht nur wegen seines Bieres interessant. Wer sich im Wirtshaus etwas genauer umsieht, entdeckt erstaunlich viel Tölzer Geschichte.
Als es in Tölz noch nach Bier roch
Bad Tölz war früher eine richtige Bierstadt. Im 18. und 19. Jahrhundert gab es zeitweise 22 Brauereien. Bierfässer wurden sogar mit Flößen auf der Isar nach München transportiert, während Bierfuhrwerke durch die Marktstraße rumpelten.
Viele der alten Brauereien verschwanden irgendwann. Ihre Namen haben sich teilweise bis heute an Häusern und in der Stadtgeschichte erhalten. Der Binderbräu knüpft bewusst an diese alte Tölzer Brautradition an.
Dabei ist ausgerechnet der Binderbräu selbst noch ziemlich jung.
Vom „Haus an der Sonne“ zur Brauerei
Das Gebäude an der Ludwigstraße gehört dagegen schon lange zum Tölzer Badeteil.
Früher war es unter anderem als „Café Carlo“ und später als „Haus an der Sonne“ bekannt. Das gut 100 Jahre alte Haus war Kurpension, Konditorei und Café; zuletzt befand sich darin ein griechisches Restaurant. Ende 2012 kauften Monika Weber-Binder und Andreas Binder das Anwesen.
Beim Umbau kamen sogar alte Tapeten und Rosenmuster aus der Zeit der früheren Besitzer zum Vorschein. Neun große Container mit Material und Abfall wurden aus dem Gebäude geschafft, bevor daraus das heutige Brau- und Volkskunsthaus werden konnte.
Am 16. Dezember 2015 öffnete der Binderbräu schließlich seine Türen. Anfangs eher still und leise – doch schon wenige Tage später war das Wirtshaus so voll, dass Gäste wieder weggeschickt werden mussten.
Die Brauerei steht mitten im Wirtshaus
Und das ist das Detail, das wir am Binderbräu besonders mögen.
Das Bier verschwindet nicht irgendwo hinter einer Wand oder in einer Halle am Stadtrand. Das kupferne Sudhaus steht mitten im Gastraum. Dort werden heute Helles, Dunkles und Weißbier gebraut.
Man sitzt beim Essen oder mit seinem Bier am Tisch und hat die großen glänzenden Kupferkessel direkt vor sich. Regionaler kann ein Bier eigentlich kaum sein.
Vielleicht schmeckt es mir deshalb auch, obwohl meine persönliche Bier-Hausmarke sonst aus einer gewissen anderen Brauerei am Tegernsee kommt.

Ein ehemaliger Museumsleiter wird Wirt
Warum es im Binderbräu so viel zu entdecken gibt, hat mit Andreas Binder zu tun. Er war früher Leiter des Tölzer Stadtmuseums und wollte nicht einfach irgendein bayerisches Wirtshaus einrichten.
Seine Idee war ein Brau- und Volkskunsthaus: Brauerei, Wirtshaus und Museum unter einem Dach. Das Museum befindet sich laut Binderbräu weiterhin im Aufbau.
Dafür erzählt bereits das Wirtshaus selbst jede Menge Geschichten.
Viele Gegenstände sind keine auf alt getrimmte Dekoration. Ein historischer Läutergrant aus Kupfer und Messing stammt beispielsweise aus dem früheren Grünerbräu. Alte Lampen sollen schon vor rund 100 Jahren im Grüner-Bräustüberl gehangen haben. Andere historische Stücke wurden über Jahre gesammelt oder vor dem Verschrotten gerettet.
So wird aus einem relativ jungen Wirtshaus Stück für Stück wieder ein bisschen altes Tölz.
Thomas Mann sitzt gewissermaßen mit am Tisch
Auch die einzelnen Räume tragen Namen mit Tölzer Bezug: Gambrinusstube, Flößer-Salettl, Zur schönen Tölzerin, Stammtisch zur Coletta – und sogar einen Thomas-Mann-Salon gibt es.
Thomas Mann hatte bekanntlich eine besondere Beziehung zu Bad Tölz. Er ließ sich hier Anfang des 20. Jahrhunderts sogar ein Landhaus bauen und verbrachte mit seiner Familie mehrere Sommer und Winter in Tölz.
Und offenbar war der spätere Literaturnobelpreisträger einem abendlichen Hellen nicht abgeneigt. Überliefert ist, dass er zum Abendessen gerne ein Glas Bier trank und dessen Wirkung ausgesprochen literarisch mit „Abruhe, Abspannung und Lehnstuhlbehagen“ beschrieb. Ein schönes Wort.
Und eigentlich eine ziemlich treffende Beschreibung für einen gemütlichen Abend beim Binder.
Der eigene Bierkrug kommt in den Tresor
Eine weitere Besonderheit entdeckt man im Wirtshaus ebenfalls recht schnell: die handgeschmiedeten Stammkrug-Tresore. Stammgäste können dort ihren persönlichen Bierkrug einschließen. Sogar einen eigenen „Brunnengrand“ zum Auswaschen der Krüge gibt es. Als der Binderbräu eröffnete, waren die ersten 48 Plätze in diesen Krugtresoren innerhalb kürzester Zeit vergeben. Mehr bayerische Wirtshauskultur geht wahrscheinlich kaum.
Und was hat eine Holztaube mit Bier zu tun?
Eine unserer Lieblingsgeschichten rund um den Binderbräu hat eigentlich überhaupt nichts mit Bier zu tun.
Im Besitz der Familie befand sich eine alte hölzerne Taube aus dem 19. Jahrhundert mit einem spitzen Eisenschnabel. Lange wusste niemand so recht, wozu das merkwürdige Ding einmal gedient hatte. Andreas Binder recherchierte – und stieß auf ein fast vergessenes historisches Wirtshausspiel: das Taubenschießen. Keine Sorge: Dabei wird auf keine echte Taube geschossen.
Die schwere Holztaube hängt wie ein großes Pendel an einer langen Kette. Sie wird in Bewegung versetzt und soll mit ihrem eisernen Schnabel möglichst genau eine Zielscheibe treffen. Der Tölzer Rauchclub „Gemütlichkeit“ ließ schließlich einen solchen Stand beim Binderbräu aufbauen. Die Tradition lebt tatsächlich weiter.
Beim Tölzer Bierfest steht das Taubenschießen wieder auf dem Programm. Dazu gibt es beim Binderbräu Brauereiführungen, Frühschoppen und die Tölzer Stadtmeisterschaft im Schafkopfen.
Ein Bierfest direkt vor der Haustür
Der Binderbräu passt ohnehin perfekt zum Tölzer Bierfest, denn der Vichyplatz liegt direkt vor dem Haus. Wenn dort im September die verschiedenen regionalen Brauereien zusammenkommen, schließt sich irgendwie ein Kreis: In einer Stadt, in der früher 22 Brauereien Bier produzierten, wird wieder gemeinsam Tölzer und oberbayerische Braukultur gefeiert. Und wer wissen möchte, wie das Bier entsteht, kann beim Binderbräu sogar einen Blick hinter die Kulissen werfen.
Unser Fazit
Für uns ist der Binderbräu vor allem einer dieser unkomplizierten Orte. Ein bisschen durch den Kurpark schlendern, eine Veranstaltung im Kurhaus besuchen – und anschließend noch ein paar Meter weiter auf ein Bier oder zum Abendessen. Natürlich könnte man einfach sein Essen bestellen, sein Bier trinken und wieder gehen.
Aber es lohnt sich, sich im Binderbräu einmal etwas genauer umzusehen. Denn zwischen Kupferkesseln, alten Lampen, Stammkrügen und historischen Bildern steckt erstaunlich viel Tölzer Geschichte.
Und dann sitzt man da mit einem frisch gezapften Binder Hell vor sich und weiß: Das wurde tatsächlich genau hier gebraut. Okay, mein Tegernseer würde ich deshalb trotzdem nicht verleugnen. Aber beim Binder darf es ruhig auch mal ein Tölzer sein.

