
Der heilige Florian am Isarkai – vorne fromm, hinten ziemlich frech
Wenn wir im Café Heimat sitzen, sehen wir ihn von seiner ganz normalen Seite. Hoch oben auf seiner Säule steht der heilige Florian in römischer Rüstung, mit Fahne und Wasserkübel – ungefähr so, wie man sich den Schutzpatron der Feuerwehr vorstellt.
Ein paar Meter weiter ändert sich die Perspektive. Wer im Cristallino sitzt, bekommt den Tölzer Florian von hinten zu sehen. Und spätestens dann fällt auf, dass der Künstler bei seiner Darstellung eine ziemlich ungewöhnliche Entscheidung getroffen hat: Unter der kurzen Tunika ist der Allerwerteste des Heiligen unverkennbar entblößt.
Genau an dieser Stelle kommt bei Tölzer Stadtführungen gerne eine Geschichte, die auch uns so erzählt wurde und zuverlässig für einen Lacher sorgt. Hinter Florian habe sich früher das Finanz- beziehungsweise Zollamt befunden. Deshalb habe man den Heiligen absichtlich so aufgestellt, dass er der Obrigkeit seinen nackten Hintern entgegenstreckt.
Eine herrlich respektlose Tölzer Geschichte. Nur leider ist sie ziemlich sicher nicht wahr.
Der Florian steht eigentlich am Fritzplatz
Was wir meist einfach als Florian am Isarkai wahrnehmen, ist der Floriansbrunnen am Fritzplatz, unmittelbar oberhalb der Isar und am Übergang zum alten Gries.
1905 wurde dort als Ersatz für einen schadhaft gewordenen Brunnen eine neue Anlage errichtet. Die auffällige Florianfigur basiert auf einem Modell des Münchner Künstlers und Akademieprofessors Rudolf Seitz. Die Bayerische Denkmalliste beschreibt den Brunnen heute als neubarocke, farbig gefasste Gusseisenfigur auf einer hohen Holzsäule hinter einem kelchartigen Becken. Die Figur selbst wird dort sogar bereits in das dritte Viertel des 19. Jahrhunderts datiert – offenbar war das Modell also älter als der 1905 eingerichtete Tölzer Brunnen.
Der Standort passt ausgesprochen gut zum dargestellten Heiligen. Florian gilt seit Jahrhunderten als Schutzpatron gegen Feuergefahr und ist vor allem als Patron der Feuerwehren bekannt. Typischerweise wird er als römischer Soldat mit Fahne und einem Wasserkübel dargestellt, aus dem er Wasser über ein brennendes Gebäude gießt.
Bis hierhin ist am Tölzer Florian also eigentlich alles ganz normal.
Wäre da nicht die Sache mit der Rückseite.
Hat er wirklich dem Finanzamt den Hintern gezeigt?
Dass hinter der Figur früher Einrichtungen der Zoll- beziehungsweise Finanzverwaltung lagen und die Gegend eng mit der Tölzer Mautgeschichte verbunden war, macht die überlieferte Geschichte zunächst durchaus glaubwürdig.
Nur gibt es ein entscheidendes Problem: Der Tölzer Florian ist kein Einzelstück.
Das Modell von Rudolf Seitz wurde mehrfach verwendet. Unter anderem steht in Dorfen eine sehr ähnliche Florianfigur – ebenfalls mit entblößtem Hinterteil. Schon deshalb kann die nackte Rückseite kaum eigens als Tölzer Protest gegen Finanzbeamte geschaffen worden sein. Auch ein zeitgenössischer Bericht des Tölzer Kuriers vom 8. März 1905 erwähnt zwar den neuen Brunnen und das Modell von Seitz, liefert aber keine Erklärung für die ungewöhnlich freizügige Darstellung.
Die verbreitete Geschichte vom Florian, der dem Finanzamt den Hintern zeigt, gilt bei Tölzer Historikern deshalb als ziemlich sicher falsch.
Wir finden allerdings: Das sollte niemanden davon abhalten, sie bei einer Stadtführung weiterzuerzählen – solange man anschließend vielleicht ergänzt, dass es eben eine schöne Tölzer Legende ist.
Dafür ist sie einfach zu gut.
Warum ist er dann überhaupt nackt?
Das ist die eigentlich spannende Frage.
Und darauf gibt es offenbar bis heute keine eindeutige Antwort.
Als sich 2018 der Kulturhistoriker Gerd J. Grein näher mit dem Tölzer Florian beschäftigte, konnte auch er keine überzeugende historische Erklärung für das entblößte Hinterteil finden. Selbst die Tölzer Geschichtsforschung konnte das Rätsel nicht auflösen. Sicher scheint lediglich, dass Rudolf Seitz beziehungsweise das zugrunde liegende Modell diese ungewöhnliche Darstellung ganz bewusst so vorsah.
Möglicherweise war es schlicht eine humorvolle, etwas derbe Interpretation des Heiligen. Solche Scherze waren in der Volkskunst schließlich keineswegs vollkommen ungewöhnlich.
Vielleicht liegt gerade darin der Reiz: Man hat einen mehr als hundert Jahre alten Brunnen mitten in Bad Tölz und weiß bis heute nicht mit Sicherheit, warum sein Heiliger einen nackten Hintern hat.
Sein Allerwertester schaffte es sogar ins Museum
Die ungewöhnliche Rückansicht sorgte später noch für eine ganz andere Karriere.
2018 beschäftigte sich eine Ausstellung im Museum für Odenwälder Volkskultur in Otzberg-Lengfeld mit der kulturgeschichtlichen Darstellung des menschlichen Hinterteils. Zu sehen waren historische Kunstwerke, Fotografien, Scherzfiguren und allerlei derbe Darstellungen.
Und natürlich durfte der Tölzer Florian dort nicht fehlen.
Ein Foto seines entblößten Hinterteils wurde Teil der Ausstellung und des dazugehörigen Begleitmaterials. Damit hatte es unser Florian vom Fritzplatz immerhin zu musealen Ehren gebracht. Nicht unbedingt wegen seiner Heiligkeit – aber man kann schließlich nicht alles haben.
Rudolf Seitz und eine interessante Verbindung zu Gabriel von Seidl
Auch der Künstler hinter der Figur ist einen zweiten Blick wert.
Rudolf Seitz war Maler, Illustrator und Kunstgewerbler und lehrte an der Münchner Kunstakademie. Besonders interessant für Bad Tölz ist seine Verbindung zu einem Namen, der uns hier ständig begegnet: Gabriel von Seidl.
Seitz und Seidl arbeiteten bereits im 19. Jahrhundert zusammen. Damit führt vom etwas freizügigen Florian sogar eine kleine kunsthistorische Verbindung zu jenem Architekten, der später mit seinen Giebeln, Fassaden und Umbauten das Erscheinungsbild der Tölzer Marktstraße entscheidend prägen sollte.
Dass in Tölz die Geschichten immer wieder miteinander zusammenlaufen, gefällt uns ohnehin besonders gut.
Florian zwischen Isar, Gries und alter Maut
Auch unabhängig von der Finanzamt-Legende ist die Lage des Brunnens interessant.
Nur wenige Meter entfernt liegt die Isar, und unmittelbar dahinter beginnt der Gries – der älteste Tölzer Siedlungsbereich mit seiner Geschichte als Viertel der Handwerker, Fischer und vor allem Flößer. In der Umgebung erinnert außerdem das historische Mauthäusl an die Zeit, als auf der Isar transportierte Waren verzollt und Abgaben erhoben wurden.
Wasser bedeutete für Tölz jahrhundertelang Wohlstand, Verkehrsweg und Lebensgrundlage. Gleichzeitig konnte die Isar bei Hochwasser zur Bedrohung werden. Und oberhalb dieses Flusses steht ausgerechnet Florian, der Schutzheilige gegen Feuer- und Wassergefahren.
Ganz zufällig wirkt der Standort deshalb nicht. Dass seine Rückseite ausgerechnet in Richtung der früheren Obrigkeit zeigte, dürfte dagegen eben tatsächlich Zufall gewesen sein.
2024 bekam Florian eine Frischkur
Ganz so unverwüstlich, wie er hoch oben auf seiner Säule wirkt, ist der Tölzer Florian übrigens nicht.
2023 war die Figur beschädigt worden, unter anderem brach ein Arm ab. Über den folgenden Winter wurden Brunnen und Figur deshalb überarbeitet. Das Becken wurde entrostet und neu gestrichen, Florian selbst repariert und frisch farbig gefasst.
Am 16. Februar 2024 kehrte der runderneuerte Heilige auf seinen angestammten Platz zurück. Mitarbeiter des Tölzer Betriebshofs montierten ihn wieder auf seiner Säule.
Wer ihn heute vom Café Heimat oder vom Cristallino aus betrachtet, sieht also einen Florian, der zwar historisch ist, aber erst vor wenigen Jahren wieder ordentlich herausgeputzt wurde. An seiner auffälligsten Besonderheit hat man dabei selbstverständlich nichts geändert.
Zwei Cafés, zwei sehr unterschiedliche Ansichten
Für uns gehört Florian inzwischen einfach zu dieser Ecke von Tölz.
Wenn wir im Café Heimat sitzen, sehen wir ihn von vorne. Von dort wirkt er beinahe vorbildlich: römischer Soldat, Fahne, Wasserkübel, Schutzheiliger – alles, wie es sich gehört. – Im Cristallino bekommt man die andere Perspektive.
Und wahrscheinlich wird uns dabei immer die Geschichte aus der Stadtführung einfallen: der heilige Florian, der dem Finanzamt seinen nackten Hintern zeigt.
Wir wissen inzwischen, dass sie höchstwahrscheinlich nicht stimmt. Aber vielleicht ist das gar nicht so wichtig. Schließlich erzählt die Legende selbst inzwischen etwas über Bad Tölz. Generationen von Stadtführern und Besuchern haben über sie gelacht und sie weitererzählt – und dadurch gehört sie heute fast genauso zum Florian wie seine tatsächliche Geschichte.
Die Wahrheit ist sogar ein bisschen kurioser: Niemand weiß genau, warum Rudolf Seitz den Schutzpatron so freizügig dargestellt hat. Sicher ist lediglich, dass die Tölzer Finanzbeamten wohl nicht der Grund dafür waren.
Wenn wir also das nächste Mal im Cristallino sitzen und Florian uns wieder seine weniger heilige Seite präsentiert, wissen wir zumindest eines: Er zeigt sie nicht nur uns.
