
Manche Lokale findet man nicht unbedingt, weil man zufällig daran vorbeikommt. Die Tölzer Schießstätte am Buchberg gehört für uns eindeutig in diese Kategorie. Sie liegt etwas außerhalb bei Wackersberg, in Kiefersau, und wenn man nicht weiß, dass dort ein Restaurant steckt, fährt man wahrscheinlich einfach weiter. Bei uns brauchte es sogar erst einen kleinen Schubs: Zur Hochzeit bekamen wir von der Steuerberaterkanzlei, bei der Karoline arbeitet, zwei Gutscheine für die Schießstätte geschenkt. Sonst wären wir vielleicht selbst gar nicht auf die Idee gekommen, dort einmal essen zu gehen. Inzwischen wissen wir: Das wäre ziemlich schade gewesen.
Schon der Name lässt zunächst eher an Schützenverein als an besonders gutes Essen denken. Und ganz falsch ist das nicht, denn das Gebäude ist tatsächlich das Vereinsheim der Tölzer Feuerschützengesellschaft. Gleichzeitig betreiben Michaela und Andreas Hager hier seit Anfang der 1990er-Jahre ein Restaurant, das sich längst einen Namen weit über Wackersberg hinaus gemacht hat. Beide sind ausgebildete Köche – und bei unserem Besuch hat man ziemlich schnell gemerkt, dass hier nicht einfach nur eine Vereinsgaststätte mit den üblichen Verdächtigen auf der Speisekarte betrieben wird.
Zwei Köche – und eine davon kennt man vielleicht aus dem Fernsehen
Michaela Hager ist vielen vermutlich bekannt, ohne dass sie den Namen sofort mit der Schießstätte verbinden. Seit vielen Jahren kocht sie regelmäßig in der BR-Sendung „Wir in Bayern“ und hat mehrere Kochbücher veröffentlicht. Ihr Weg in die Küche begann offenbar ausgesprochen früh. Eine gerne erzählte Geschichte handelt davon, dass sie schon als kleines Mädchen ihrer Großmutter geraten haben soll, mehr Butter für die Pfannkuchen zu verwenden. Die Großmutter warnte, davon werde man dick – worauf die kleine Michaela sinngemäß beschloss, später eben selbst Köchin zu werden und dann so viel Butter zu verwenden, wie sie wolle.
Der Plan hat offensichtlich funktioniert.
Später absolvierte sie ihre Kochlehre am Tegernsee und arbeitete anschließend in der Schweiz. Dort lernte sie Andreas kennen, ebenfalls Koch. Die beiden heirateten, und 1992 ergab sich die Gelegenheit, die Gastronomie der Tölzer Schießstätte zu übernehmen. Aus dem Vereinsheim wurde nach und nach ein Restaurant, das heute vor allem für seine regionale, handwerklich sehr sorgfältige Küche bekannt ist.
Interessant finden wir dabei, dass sich Michaela Hager trotz ihrer Fernsehbekanntheit selbst keineswegs als alleinigen Star der Küche inszeniert. In einem Porträt bezeichnete sie sich augenzwinkernd sogar als „Beikoch“ ihres Mannes. Gekocht wird hier also offenbar tatsächlich gemeinsam – und nicht nach dem Prinzip Fernsehköchin vorne, anonyme Küchenmannschaft hinten.
Bayerisch, aber nicht langweilig
Die Küche ist stark regional geprägt. Bayerische Klassiker spielen eine wichtige Rolle, werden aber teilweise etwas feiner und moderner interpretiert. Ente, Fleischgerichte, saisonale Zutaten und klassische Mehlspeisen gehören ebenso dazu wie Gerichte, bei denen man merkt, dass zwei gelernte Köche am Herd stehen. Wir können nach unserem Besuch jedenfalls sagen: Es war ausgesprochen lecker!

Und genau das macht den Ort für uns interessant. Man fährt nicht zu einem schicken Designrestaurant mit großer Außenwirkung, sondern zu einer etwas versteckt gelegenen Schießstätte. Von außen erwartet man vielleicht ein ordentliches Schnitzel und einen Stammtisch. Drinnen bekommt man dann eine Küche, die auch in Restaurantführern Beachtung findet.
Das österreichische Genussmagazin Falstaff führt die Schießstätte beispielsweise mit einer ausgesprochen guten Bewertung und hebt die handwerklich präzise bayerische Küche hervor. Auch die normalen Gästebewertungen fallen seit Jahren ungewöhnlich positiv aus. Besonders häufig werden Essen, persönliche Atmosphäre und die Gastgeber gelobt. Dass ein Lokal, das etwas abseits liegt und kaum von Laufkundschaft leben dürfte, über Jahrzehnte bestehen kann, ist vermutlich ohnehin eine der aussagekräftigeren Bewertungen.
Kein Restaurant, über das man zufällig stolpert
Die Lage am Buchberg hat natürlich zwei Seiten. Wer durch die Tölzer Marktstraße spaziert, wird nicht irgendwann zufällig vor der Tür stehen und denken: „Da gehen wir jetzt rein.“ Man muss schon wissen, dass die Schießstätte existiert, und gezielt nach Kiefersau fahren. Vielleicht erklärt das auch, warum wir so lange nicht dort waren.
Dafür fühlt sich der Besuch ein wenig mehr nach einer Entdeckung an. Man lässt Tölz hinter sich, fährt hinaus Richtung Wackersberg und landet schließlich an einem Lokal, das trotz der Bekanntheit von Michaela Hager überraschend unaufgeregt geblieben ist. Keine große Inszenierung, sondern eher ein Gasthaus, das davon lebt, dass die Leute wegen des Essens wiederkommen.
Auch im Inneren wurde der Charakter des Hauses nicht komplett wegdesignt. Die Schießstätte darf weiterhin nach Schießstätte beziehungsweise gewachsenem bayerischen Gasthaus aussehen. Kachelofen, ordentlich eingedeckte Tische und die Verbindung zum Schützenverein gehören dazu. Genau das finden wir eigentlich sympathisch. Eine alte Schießstätte muss schließlich nicht aussehen wie eine Münchner Hotelbar, nur weil dort sehr gut gekocht wird.
Von der Schießstätte zum Fernsehstudio – und wieder zurück
Eine nette Besonderheit ist natürlich Michaela Hagers zweites kulinarisches Leben beim Bayerischen Fernsehen. Seit 2008 steht sie regelmäßig für „Wir in Bayern“ vor der Kamera und zeigt dort Rezepte, die häufig genau zu ihrem Stil passen: bayerisch, regional und so erklärt, dass man zumindest theoretisch auf die Idee kommen könnte, es zu Hause selbst zu versuchen. Ob es anschließend genauso schmeckt wie in der Schießstätte, ist eine andere Frage.
Dazu kamen Kochbücher wie „Echt bayerisch kochen“ und weitere Veröffentlichungen. Trotzdem blieb das eigentliche Restaurant am Buchberg über all die Jahre der Mittelpunkt. Das unterscheidet die Schießstätte angenehm von manchen Lokalen, bei denen der bekannte Name irgendwann größer wird als das Restaurant selbst.
Ein Hochzeitsgeschenk, über das wir uns zweimal gefreut haben
Am Ende waren unsere Gutscheine also nicht nur ein schönes Hochzeitsgeschenk, sondern auch ein ziemlich guter Restauranttipp. Ohne ihn hätten wir die Tölzer Schießstätte möglicherweise noch länger ignoriert – einfach deshalb, weil man dort nicht zufällig vorbeibummelt. Jetzt wissen wir es besser.
Das Essen war bei unserem Besuch ausgesprochen lecker, der Ort angenehm unaufgeregt und die Geschichte hinter der Küche wesentlich interessanter, als wir erwartet hatten. Und irgendwie gefällt uns auch der Gedanke, dass sich hinter einem Vereinsheim einer Schützengesellschaft zwei Köche verbergen, von denen eine regelmäßig im Bayerischen Fernsehen kocht und die beide seit mehr als drei Jahrzehnten dafür sorgen, dass Menschen gezielt nach Kiefersau fahren.
Wir werden jedenfalls nicht wieder auf einen Gutschein warten müssen, bevor wir dort noch einmal essen gehen.
Manchmal braucht es eben nur jemanden, der einen auf einen Ort bringt, an dem man sonst vielleicht erst irgendwann gefahren wäre.
