das versteckte Schloss hinter dem Weiher

Ruine und Schloss Hohenburg

Ein versteckter Schlossweiher, eine abgebrannte Burg und Luxemburger Großherzöge: Hohenburg überrascht mit fast tausend Jahren Geschichte – mitten am Ortsrand von Lenggries.

Ruine und Schloss Hohenburg

Wir sind an Schloss Hohenburg in Lenggries wahrscheinlich öfter vorbeigefahren, als wir zählen können. Wirklich wahrgenommen hatten wir es lange trotzdem nicht. Erst eine gute Bekannte, Maximiliane, die selbst auf dem dortigen Mädchengymnasium war, empfahl uns einmal die Runde um den Schlossweiher.

Also sind wir hingefahren – eigentlich vor allem wegen des kleinen Sees.

Ruine und Schloss Hohenburg

Und genau das passt im Nachhinein ganz gut zu Hohenburg. Das Schloss liegt etwas versteckt am Ortsrand von Lenggries, von Bäumen und Park umgeben, heute vor allem als Schulstandort bekannt. Man kommt erstaunlich leicht daran vorbei, ohne zu ahnen, wie viel Geschichte sich dort verbirgt.

Der Schlossweiher selbst wirkt fast wie ein kleiner Waldsee. Er liegt ruhig hinter der Anlage, etwa 300 Meter lang, umgeben von Bäumen und Wegen. Eine Runde ist schnell gegangen, trotzdem hat der Ort etwas angenehm Abgeschiedenes. Erst wenn man weiß, was alles rundherum passiert ist, bekommt der Spaziergang plötzlich eine ganz andere Tiefe.

Das heutige Schloss ist gar nicht die ursprüngliche Hohenburg

Die eigentliche Hohenburg stand nicht unten im Tal, sondern einige hundert Meter weiter oben am Hang. Schon um 1100 ist dort eine Burg nachweisbar. Über Jahrhunderte war sie das politische und wirtschaftliche Zentrum des Isarwinkels.

Von einer kleinen romantischen Ritterburg sollte man sich dabei verabschieden. Die Hohenburg entwickelte sich zu einer stattlichen Wehranlage mit mächtigen Türmen. Noch heute existieren Mauerreste, die an die alte Burg erinnern.

Die Anlage war sogar technisch ziemlich clever. Die Dächer waren teilweise nach innen geneigt, sodass Regenwasser innerhalb der Burg gesammelt werden konnte. Auf einem Burgberg war Wasser schließlich kostbar. Gleichzeitig waren solche Dächer bei Angriffen weniger anfällig für Brandgeschosse.

Bis 1848 gehörte Lenggries zur Hofmark Hohenburg. Die Burg beziehungsweise später das Schloss war also weit mehr als ein repräsentativer Wohnsitz – hier wurde über einen großen Teil des Isarwinkels verwaltet und geherrscht.

1707 brannte die Burg ab

Das Ende der alten Hohenburg kam dramatisch.

Während des Spanischen Erbfolgekriegs waren österreichische Husaren in der Burg einquartiert. Am 21. Juli 1707 brach im Bereich des großen Saals ein Feuer aus. Innerhalb kurzer Zeit griff es auf die gesamte Anlage über.

Schon damals blieb unklar, wie der Brand genau entstanden war. Die einquartierten Soldaten gerieten unter Verdacht, bestritten aber jede Schuld. Die Burg wurde anschließend nicht wieder aufgebaut. Stattdessen verwendete man Teile der Ruine ganz pragmatisch als Steinbruch. Baumaterial aus der alten Hohenburg fand später unter anderem Verwendung beim neuen Schloss, bei der Lenggrieser Pfarrkirche St. Jakob und sogar am Kalvarienberg.

Aus dem mittelalterlichen Herrschaftssitz wurde nach und nach eine Ruine.

Ein neues Schloss – diesmal bequemer im Tal

Graf Ferdinand Joseph von Herwarth entschied sich gegen einen Wiederaufbau auf dem Burgberg. Zwischen 1712 und 1718 ließ er stattdessen unten im Tal das heutige Schloss Hohenburg errichten. Das war sonniger, repräsentativ und vor allem wesentlich komfortabler zu erreichen.

Der dreigeschossige Barockbau wirkt vergleichsweise zurückhaltend. Keine überladene Märchenschloss-Architektur, sondern klare Formen, Walmdächer, Eckrisalite und ein markanter Mittelteil mit Glockenturm. 1722 kam die Schlosskapelle St. Johannes der Täufer hinzu.

Zum Schloss gehörte auch ein repräsentativer Barockgarten, den der bekannte Gartenarchitekt Matthias Diesel gestaltete. Viel von der strengen ursprünglichen Gartenanlage ist heute nicht mehr zu erkennen, alter Baumbestand erinnert aber noch an diese Zeit.

Und dann gibt es Details, die man beim Vorbeigehen leicht übersieht. An einigen Regenrinnen sitzen beispielsweise Wasserspeier in Form von Drachenköpfen.

Eine Kapelle mit erstaunlich passender Zukunft

Die Schlosskapelle hat eine besonders schöne Geschichte.

1930 ließ Großherzogin Maria Anna von Luxemburg die Decke ausmalen. Ein großes Gemälde zeigt die heilige Anna, wie sie ihrer Tochter Maria das Lesen beibringt. Damals war Hohenburg noch fürstliche Residenz.23 Jahre später zog eine Schule in das Schloss ein.

Dass ausgerechnet eine Darstellung des Unterrichtens schon vorher über der Kapelle schwebte, wirkt im Rückblick fast ein wenig prophetisch.

Plötzlich residierten Luxemburger Großherzöge in Lenggries

Eine besonders ungewöhnliche Epoche begann 1870.

Herzog Adolph von Nassau kaufte Schloss Hohenburg, nachdem Preußen wenige Jahre zuvor sein Herzogtum Nassau annektiert hatte. Er hielt sich fortan regelmäßig mit seiner Familie in Lenggries auf. 1890 wurde Adolph Großherzog von Luxemburg. Damit wurde das versteckte Schloss am Ortsrand von Lenggries plötzlich zur Sommerresidenz eines regierenden europäischen Herrscherhauses. Aus dem Isarwinkel wurde zumindest zeitweise ein kleiner Nebenhof Luxemburgs.

Die großherzogliche Familie trat entsprechend repräsentativ auf. Überliefert sind prächtige Ausfahrten mit Vierergespannen: der Großherzog mit schwarzen Pferden, die Großherzogin mit Füchsen, weitere Wagen mit Schimmeln.

1885 wurde auf Hohenburg sogar die Hochzeit von Prinzessin Hilda von Nassau mit dem späteren Großherzog Friedrich II. von Baden gefeiert. Lenggries war damit zeitweise Schauplatz echter europäischer Adelsgeschichte.

Dem Großherzog stank die Brauerei

Und dann gibt es noch eine Anekdote, die fast zu schön ist.

Seit dem frühen 19. Jahrhundert befanden sich im Schlossbereich eine Brauerei und ein Bräustüberl. Das war offenbar irgendwann nicht mehr ganz mit dem repräsentativen Anspruch der großherzoglichen Familie vereinbar. Staatsgäste mussten nämlich bei offiziellen Besuchen an der Brauerei vorbei. Und Großherzog Adolph soll wenig begeistert davon gewesen sein, wenn seinen hochrangigen Gästen dabei erst einmal kräftiger Biergeruch entgegenwehte. Die Brauerei wurde deshalb Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem unmittelbaren Schlossbereich verlegt. Selbst bei der Gestaltung des Neubaus mischte der Großherzog mit und bestand auf einer ortstypischen, bäuerlichen Architektur. Ein Großherzog von Luxemburg, dem seine eigene Schlossbrauerei zu sehr nach Bier roch – auch das gehört zur Geschichte von Hohenburg.

Eine Verbindung bis zum Tölzer Kalvarienberg

Besonders spannend finden wir die Verbindung nach Bad Tölz.

Ferdinand Joseph von Herwarth ließ bereits 1694 bei Hohenburg einen Kalvarienberg anlegen. Er gilt als einer der ältesten im Isartal. Und genau dieser Lenggrieser Kalvarienberg wurde später zum Vorbild für den Kalvarienberg in Bad Tölz. Damit hängt die Geschichte beider Orte unmittelbar zusammen. Wenn wir heute über den Tölzer Kalvarienberg gehen, steckt darin also ein Stück Hohenburg. Solche Verbindungen sind es, die regionale Geschichte plötzlich sehr greifbar machen.

Vom Schloss zur Mädchenschule

1953 begann für Hohenburg ein völlig neues Kapitel.

Die Ursulinen übernahmen das Schloss und richteten dort eine Schule mit Internat ein. Wenige Jahre später kam das Gymnasium hinzu. Über Jahrzehnte war Hohenburg damit vor allem als Mädchenschule bekannt. Viele Schülerinnen lebten direkt im Internat, teilweise kamen sie aus weit entfernten Regionen Deutschlands.

1990 ging die Trägerschaft an die Erzdiözese München und Freising über. Das Internat wurde später geschlossen, die Schule blieb. Inzwischen verändert sich auch dieses traditionsreiche Kapitel wieder: Seit dem Schuljahr 2024/25 werden schrittweise auch Jungen aufgenommen. Unsere Bekannte kennt den Ort noch aus genau dieser Zeit.

Aus der mittelalterlichen Burg wurde also erst ein barockes Schloss, dann eine großherzogliche Residenz und schließlich ein Schulstandort. Mehr Wandel geht eigentlich kaum.

Und mittendrin liegt der Schlossweiher

Dabei waren wir ursprünglich wegen etwas ganz anderem hier.

Der Schlossweiher liegt ruhig hinter dem Schloss in einer bewaldeten Mulde. Er ist klein genug, dass man ihn gemütlich umrunden kann, aber groß genug, um sich ein wenig aus dem Ort herausgenommen zu fühlen. Gerade weil alles so versteckt liegt, hat die Runde ihren eigenen Reiz. Kein großes touristisches Spektakel, kein überlaufener Schlosspark, eher ein stiller Weg rund um Wasser, Wald und historische Gebäude.

Wenn man die Geschichte dazu kennt, verändert sich aber der Blick.

Plötzlich ist das Schloss nicht mehr nur ein hübsches altes Gebäude, in dem heute eine Schule steckt. Oberhalb stand einmal eine bedeutende Burg, die 1707 abbrannte. Im heutigen Schloss residierten später Luxemburger Großherzöge, eine Brauerei musste aus Gründen des höfischen Wohlgeruchs umziehen und der Lenggrieser Kalvarienberg wurde zum Vorbild für Bad Tölz.

Und über allem schwebt in der Schlosskapelle seit 1930 ein Bild, auf dem eine Mutter ihrer Tochter das Lesen beibringt – lange bevor aus dem Schloss tatsächlich eine Schule wurde.

Ein Ziel, das man leicht übersieht

Vielleicht gefällt uns Hohenburg gerade deshalb. Es drängt sich nicht auf.

Wir sind vorher oft vorbeigefahren und hätten wahrscheinlich noch lange nicht genauer hingeschaut, wenn uns nicht jemand, der den Ort persönlich kennt, den Schlossweiher empfohlen hätte. Eigentlich wollten wir nur eine Runde um den See drehen. Stattdessen haben wir einen Ort entdeckt, hinter dem sich fast tausend Jahre Geschichte verstecken.

Und genau das macht solche kleinen Ausflüge besonders: Man fährt wegen eines Weihers los – und landet plötzlich bei Rittern, Großherzögen, einer abgebrannten Burg und einer ziemlich geruchsempfindlichen Schlossgesellschaft.