
Wer mit dem Zug nach Bad Tölz kommt, bekommt einen etwas eigenartigen ersten Eindruck von unserer Stadt. Da steht ein über 100 Jahre altes, denkmalgeschütztes Bahnhofsgebäude mit Walmdach, Uhrturm und eigentlich richtig schöner Architektur – und sieht aus, als hätte man irgendwann beschlossen, es einfach sich selbst zu überlassen. Wir kennen den Bahnhof natürlich nicht nur vom Vorbeifahren. Wir holen dort Besuch ab, steigen selbst ab und zu in die Bahn und lassen dafür bewusst Auto oder Vespa stehen. Und jedes Mal denkt man sich eigentlich dasselbe: Was könnte das für ein schönes Entrée nach Bad Tölz sein. Stattdessen ist der Bahnhof seit Jahren ein ziemliches Trauerspiel. Besonders ärgerlich ist das, weil ausgerechnet hier jedes Jahr unzählige Urlauber und Tagesgäste ankommen. Marktstraße, Isar, Kalvarienberg, Kurviertel – all das liegt vor ihnen. Der erste Tölzer Eindruck ist aber zunächst ein heruntergekommenes Bahnhofsgebäude. Dabei begann seine Geschichte einmal ziemlich ambitioniert.
Der erste Tölzer Bahnhof stand ganz woanders
Bad Tölz bekam 1874 seinen Eisenbahnanschluss. Der damalige Bahnhof lag wesentlich näher an der heutigen Innenstadt, ungefähr im Bereich des heutigen „Alten Bahnhofs“. Es war ein Kopfbahnhof: Die Strecke aus Holzkirchen endete zunächst in Tölz. Der Bahnanschluss veränderte die Stadt erheblich. Plötzlich konnten Besucher bequem aus München anreisen, und gerade für den aufkommenden Kurbetrieb wurde die Eisenbahn enorm wichtig. Tausende Gäste kamen nun jedes Jahr mit dem Zug nach Tölz. Wie bedeutend die Bahn damals war, zeigt eine wunderbare kleine Geschichte: Der Tölzer Magistrat soll einen Uhrmacher beauftragt haben, die Uhr der Stadtpfarrkirche etwas vorzustellen. So sollten Reisende glauben, es sei später als tatsächlich – und ihren Zug lieber ein paar Minuten zu früh erreichen. Ob sich heutige Pendler angesichts mancher Bahnverspätung darüber noch freuen würden, sei dahingestellt.
Auch Thomas Mann kannte noch diesen alten Bahnhof. Als er mit seiner Familie Anfang des 20. Jahrhunderts regelmäßig nach Tölz kam und später sein Landhaus hier besaß, endeten seine Zugfahrten noch dort. Seine Tochter Monika erinnerte sich später an die langsame Fahrt nach Tölz und daran, wie die vertraute Landschaft immer näher rückte. Der erste Bahnhof wurde allerdings nur rund 50 Jahre alt. Der Grund war die Verlängerung der Strecke nach Lenggries – und die wiederum hatte mit einem ganz anderen Verkehrsmittel zu tun: dem Floß.
Weil der Isar Wasser fehlte, bekam Lenggries seine Eisenbahn
Mit dem Bau des Walchenseekraftwerks wurde ab 1918 Wasser aus dem Isarsystem abgeleitet. Das hatte Folgen für die traditionelle Flößerei im Isarwinkel. Als Ausgleich beschloss der Bayerische Landtag, die Eisenbahn von Tölz nach Lenggries weiterzuführen. Der alte Tölzer Kopfbahnhof war dafür denkbar ungeeignet. Man brauchte einen Durchgangsbahnhof mit mehr Platz. Als Standort wurde das damals noch weitgehend unbebaute hintere Mühlfeld ausgewählt – und davon waren viele Tölzer überhaupt nicht begeistert. 1921 kam es zu Protestversammlungen. Im Bruckbräusaal trafen sich Bürger, die gegen die Verlegung mobilmachten. Ihre Sorge war durchaus nachvollziehbar: Rund um den bestehenden Bahnhof hatten sich Geschäfte und Einrichtungen angesiedelt. Ein neuer Bahnhof weit draußen im Mühlfeld bedeutete eine komplette Verlagerung der Verkehrsströme. Die Tölzer verabschiedeten sogar eine Resolution gegen den Neubau. Das Verkehrsministerium ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken. Der Bahnhof wurde verlegt.
Aus heutiger Sicht steckt darin eine gewisse Ironie: Vor gut 100 Jahren wollten viele Tölzer diesen Bahnhof überhaupt nicht haben. Heute würden wahrscheinlich ziemlich viele wünschen, dass sich endlich jemand ordentlich um ihn kümmert.
Ein Bahnhof auf einem Wald aus Betonpfählen
Auch der Bau selbst war alles andere als einfach. Der Untergrund im Mühlfeld war morastig und wenig tragfähig. Deshalb musste der neue Bahnhof auf zahlreichen Betonpfählen gegründet werden. Praktisch steht das Gebäude also auf einem künstlichen Wald unter der Erde. Noch kurioser wird die Geschichte beim Thema Grundwasser. Bei den Bauarbeiten soll sogar ein Wünschelrutengänger hinzugezogen worden sein, um die Wasserverhältnisse besser einschätzen zu können. Ob er tatsächlich die entscheidende Lösung fand, lässt sich heute schwer beurteilen. Aber die Vorstellung gefällt uns: Ein repräsentativer moderner Bahnhof der 1920er-Jahre – geplant von Architekten und Ingenieuren – und irgendwo läuft jemand mit der Wünschelrute übers Baugelände.
Am 3. September 1924 wurde der neue Tölzer Bahnhof zusammen mit der Strecke nach Lenggries eröffnet. Zur Feier reiste Bayerns Ministerpräsident Heinrich Held an. Ein geschmückter Sonderzug brachte die Ehrengäste nach Bad Tölz und anschließend weiter nach Lenggries. Das neue Empfangsgebäude war entsprechend repräsentativ gestaltet. Der Münchner Architekt Georg Buchner entwarf einen breit gelagerten Bau mit Walmdach und markantem Uhrturm – durchaus passend für eine aufstrebende Kurstadt, die immer mehr Gäste mit der Bahn empfing. Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Wenn man davorsteht, versteht man auch warum. Unter all den Spuren der vergangenen Jahrzehnte steckt noch immer ein richtig schönes Gebäude. Man muss nur ein bisschen Fantasie mitbringen.
Aus dem Empfangsgebäude wurde ein Problemfall
Irgendwann begann der Niedergang. Die Deutsche Bahn verkaufte das Empfangsgebäude Anfang der 2000er-Jahre. Seither befindet es sich in Privatbesitz und wird seit vielen Jahren nur noch sehr eingeschränkt genutzt. Schon vor mehr als einem Jahrzehnt wurde über seinen schlechten Zustand diskutiert. Besonders deutlich wurde das, als die damalige Bayerische Oberlandbahn ihr Kundencenter aus dem Gebäude abzog. Damals war von defekter Heizung, Schimmel, abfallendem Putz und modrigem Geruch die Rede. Der Ticketverkauf zog schließlich in Container auf die andere Seite der Gleise. Allein das muss man sich einmal vorstellen: Ein denkmalgeschütztes historisches Bahnhofsgebäude steht da – und der Bahnbetrieb zieht lieber in einen Container. Viel deutlicher kann ein Gebäude eigentlich nicht sagen, dass etwas schiefläuft.
Und genau das ärgert uns. Das ist kein gesichtsloser Zweckbau irgendwo im Gewerbegebiet. Der Bahnhof besitzt einen Uhrturm, ein großes Walmdach, historische Proportionen und eine Lage, die ihn zu einem richtigen Eingangstor nach Bad Tölz machen könnte. Man müsste sich nur vorstellen, was daraus werden könnte: ein vernünftiger Wartesaal, Café oder kleine Gastronomie, vielleicht touristische Informationen, ein schöner Bereich zum Ankommen und Warten – und darüber oder daneben Nutzungen, die dafür sorgen, dass sich eine Sanierung auch wirtschaftlich trägt. Andere Städte wären froh, wenn sie noch ein solches historisches Empfangsgebäude hätten. Wir haben eines. Wir lassen es nur ziemlich traurig aussehen.
Und die Stadt kann nicht einfach loslegen
Ganz so einfach wie „Dann soll die Stadt das halt renovieren“ ist es allerdings nicht. Das Gebäude gehört nicht der Stadt Bad Tölz, sondern einem privaten Eigentümer. Damit sind die Handlungsmöglichkeiten der Kommune begrenzt. Die Stadt hat sich nach öffentlichen Aussagen in der Vergangenheit um einen Erwerb bemüht. Zu einer Einigung kam es bislang nicht. Gleichzeitig spielen Denkmalschutz, Brandschutz, Statik, Nutzungsmöglichkeiten und natürlich erhebliche Sanierungskosten eine Rolle. Das alles erklärt, warum eine Lösung schwierig ist. Es erklärt aber irgendwann nicht mehr, warum über Jahrzehnte keine gefunden wird. Während rundherum Bussteige umgebaut, Wege barrierefreier gestaltet und der öffentliche Nahverkehr modernisiert werden, steht mitten darin dieses historische Gebäude und wirkt wie ein Überbleibsel, das niemand so richtig anfassen möchte.
Vielleicht stört uns das auch deshalb so sehr, weil wir den Bahnhof regelmäßig aus beiden Perspektiven erleben. Wenn wir selbst mit der Bahn fahren, beginnt dort unsere Reise. Wenn Besuch kommt, holen wir ihn dort ab. Und wenn man jemanden empfängt, der Bad Tölz vielleicht zum ersten Mal sieht, fällt einem der Zustand des Gebäudes noch stärker auf. Jedes Jahr kommen Menschen mit der Bahn hier an, um einen schönen Tag oder ihren Urlaub in Bad Tölz zu verbringen. Viele kennen die Stadt vorher nur von Bildern: Marktstraße, Lüftlmalerei, Isar, Berge, Kalvarienberg. Und dann steigen sie aus und sehen als Erstes diesen Bahnhof. Das passt einfach nicht zusammen.
Hundert Jahre später wird wieder über diesen Bahnhof gestritten
Das vielleicht Verrückteste an seiner Geschichte ist, dass der Bahnhof schon bei seiner Entstehung für Streit sorgte. Damals wollten viele Bürger verhindern, dass er gebaut wird. Heute würden vermutlich viele Bürger gerne verhindern, dass er weiter verfällt. Dazwischen liegen mehr als 100 Jahre Tölzer Geschichte. Der alte Kopfbahnhof ist längst verschwunden. Der „neue“ Bahnhof von 1924 ist inzwischen selbst ein Denkmal. Er hat Kurgäste, Ausflügler, Pendler, Schüler und Generationen von Tölzern kommen und gehen sehen. Eigentlich hätte dieses Gebäude also etwas Besseres verdient.
Und genau hier darf man nach all den Jahren auch einmal deutlicher werden: Eigentum verpflichtet nicht nur auf dem Papier. Ein denkmalgeschützter Bahnhof an einem der wichtigsten Ankunftsorte einer Tourismusstadt ist eben nicht irgendeine Immobilie, deren Zustand niemanden etwas angeht. Natürlich braucht eine Sanierung Geld. Natürlich gibt es Denkmalschutz, Brandschutz, technische Schwierigkeiten und wirtschaftliche Interessen. Aber wenn sich Eigentümer, Stadt, Denkmalbehörden und mögliche Fördergeber nach Jahrzehnten immer noch nicht auf einen Weg einigen können, dann sollte sich irgendwann jeder Beteiligte fragen, was eigentlich noch passieren muss. Denn irgendwann ist auch „kompliziert“ keine besonders überzeugende Erklärung mehr.
Der Tölzer Bahnhof könnte wieder das sein, wofür er einmal gebaut wurde: ein schönes Tor zur Stadt. Momentan ist er eher eine Visitenkarte, die man seinen Gästen am liebsten nicht in die Hand drücken würde. Nach mehr als 100 Jahren wäre es wirklich Zeit, das zu ändern.
